Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Sonntag, 7. Dezember 2025
Der Fall Cremutius Cordus
In die Regierungszeit des Kaisers Tiberius fallen viele der sogenannten Majestätsprozesse. Augustus hatte gesetzlich geregelt, dass Angriffe und Beleidigungen gegen seine Majestät bestraft werden konnten. Diese Vergehen mussten angezeigt werden, und die Delatoren, die das taten, erhielten, wenn der Angeklagte schuldig gesprochen wurde, ein Viertel von dessen Vermögen als Belohnung.
Es genügte, den Kaiser oder jemanden aus der kaiserlichen Familie in Reden oder Schmähschriften beleidigt zu haben. Jede Form von moderner Satire wäre da betroffen. Manche Vergehen muten belanglos (und kaum nachprüfbar) an: so galt es als Majestätsbeleidigung, sich in der Nähe einer Kaiserstatue umgezogen zu haben, oder ein Kaiserbildnis, beispielsweise auf einem Ring, mit zur Toilette genommen zu haben. Unter Tiberius, der nicht in dem Maße wie Augustus akzeptiert wurde, wurden laut Überlieferung sechzig solche Fälle verhandelt. Man muss Tiberius zugutehalten, dass er relativ duldsam war, solange nur er beleidigt wurde. Meist aber waren Augustus und seine Mutter Livia mitbetroffen, und da war es für ihn bindend, die Gesetze zu befolgen. Als er dann den Geschehnissen in Rom den Rücken gekehrt hatte, häuften sich leider die Todesurteile.
Hatte ein Kaiser die Möglichkeit, in solchen Angelegenheiten Milde walten zu lassen? Ja! Rühmliches Beispiel dafür ist Trajan, der Anzeigen wegen Majestätsbeleidigung nicht zuließ (sein Bekenntnis dazu ist überliefert bei Plinius, Briefe, X, 82), und bei Senatoren wurde die Todesstrafe unter ihm prinzipiell nicht angewendet.
Tiberius reagierte „dünnhäutiger“, je mehr er spürte, dass er nicht respektiert wurde. Man kann es auch nachvollziehen, dass er irgendwann genug hatte von Anfeindungen und Schmähungen. Ein Aufsehen erregender Fall von Majestätsbeleidigung ereignete sich im Jahr 25 – zwei Jahre, bevor Tiberius sich nach Capri zurückzog. Cremutius Cordus war ein schon älterer Senator und Geschichtsschreiber. Viele römische Politiker wurden nach ihrer aktiven Laufbahn Autoren, so beispielsweise auch Tacitus, der die Ereignisse überliefert hat. Cordus wurde von Klienten des mächtigen Prätorianerpräfekten Seian angeklagt. In seinem Geschichtswerk hatte er sich anerkennend über Brutus und Cassius, die Mörder Cäsars, geäußert, Cassius hatte er sogar „den letzten Römer“ genannt. Cäsar war der Adoptivvater des Augustus; dessen Macht – und die seiner Nachfolger - gründete auf ihm.
Cordus hielt eine leidenschaftliche Verteidigungsrede im Senat. Er appellierte sinngemäß daran, dass die beiden nun mal zur römischen Geschichte gehörten und einen Ehrenplatz beanspruchten, und er brachte Beispiele, wonach Cäsar und Augustus gelassen auf Kritik reagiert hatten. Die Griechen, meinte er, liebten nicht nur die Freiheit, sondern auch die Frechheit. Er war ein Republikaner vom alten Schlag und nicht bereit, einzuknicken, wohl wissend, dass ihn das Todesurteil erwartete. Die Rede hinterließ Eindruck. Von Tiberius ist keine Reaktion überliefert. Pikant ist die Tatsache, dass sein leiblicher Vater Anhänger der Cäsar-Mörder war. Augustus gab ihm die Chance, die Seite zu wechseln, und der Preis dafür war Livia, die der Unterlegene dem Sieger überließ.
Schon deshalb wird sich Tiberius bedeckt gehalten haben. Cordus wurde vom Senat zum Tode verurteilt, wurde jedoch nicht hingerichtet, sondern er durfte einen freiwilligen Hungertod sterben. Seine Bücher wurden verbrannt, doch Marcia, die Tochter des Cordus, rettete einige Exemplare und Abschriften, die im Umlauf blieben und an den Mut ihres Verfassers erinnerten. Man kann Cordus für seine aufrechte Haltung bis in den Tod nur bewundern. Seneca schrieb später eine Trostschrift an Marcia, die nach dem Vater unglücklicherweise auch ihren Sohn verloren hatte und über die Verluste nicht hinwegkam.
Literatur:
Holger Sonnabend: Tiberius – Kaiser ohne Volk, Verlag Zabern, 2021, ISBN 978-3-8053-5258-1
Seneca: Philosophische Schriften, Trostschrift an Marcia, marixverlag
Tacitus, Annalen 34, 35
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