Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 7. Mai 2026
Seianus geht zu weit
Lucius Aelius Seianus wird in der Überlieferung sehr negativ beurteilt. Es ist schwierig, ihn zu bewerten, da die Quellen sehr parteiisch sind. Es ist gut möglich, dass auch Tiberius an diesem Urteil der Zeitgenossen mitschuldig war, da er Seianus die Schuld an Verbrechen gab, die er genau genommen selbst zu verantworten hatte.
Gleich zu Beginn der Regierung des Tiberius wurde Seianus mit seinem Vater zusammen Präfekt der kaiserlichen Garde. Als der Vater Präfekt von Ägypten wurde, bekleidete der Sohn das Amt alleine. Seianus gelang es, die Position der Prätorianergarde zu stärken, indem er sie zentral in einem Kastell unterbrachte. Der Präfekt zählte fortan zu den einflussreichsten Personen in Rom. Er war Sicherheitschef und militärischer Berater des Kaisers. In der Folgezeit wurde das Amt meist kollegial ausgeübt, d. h., es gab zwei Präfekten.
Seianus konnte das Vertrauen des Herrschers gewinnen. Auch Augustus hatte einen engen Helfer gehabt: Agrippa, der sein Stellvertreter war und vorübergehend Nachfolger geworden wäre, solange die Enkel und Thronfolger Gaius und Lucius Caesar zu jung dafür waren. Tiberius sah in Seianus einen treuen und loyalen Helfer, und auch Seianus wird die Parallele zu Agrippa gezogen haben.
Tiberius hielt sich gern in Kampanien auf, wo die kaiserliche Familie mehrere Villen besaß, und in den Jahren 21–22 n. Chr. blieb er sogar länger dort, um sich zu erholen, während sein Sohn Drusus ihn in Rom vertrat. Das heißt jedoch nicht, dass er aufhörte, zu regieren. Schon damals mag der Plan in ihm gereift sein, sich irgendwann nach Capri zurückzuziehen, denn der Bau oder Ausbau der Villa Jovis benötigte seine Zeit. In einem der Landsitze in Kampanien, in Sperlonga, kam es zu einem Unfall. Zur Anlage gehörte eine Höhle, in der sich ein Speisesaal befand. Während eines Banketts stürzten Felsbrocken auf die Anwesenden und einige Sklaven kamen um. Seianus warf sich schützend über den Kaiser, und dieser blieb unverletzt. Seitdem, so berichten die Quellen, vertraute er Seianus bedingungslos. Das ist gut verständlich, und dennoch hätte Tiberius ihm nicht die Macht in Rom überlassen dürfen.
Im Jahr 23 n. Chr. starb Drusus an einer Krankheit. Erst nach dem Sturz des Seianus gestand dessen Gattin Apicata unter Folter, dass Seianus Drusus vergiften ließ. Tiberius war zornig und verzweifelt, und es kam zu vielen Todesurteilen in Folge der Verurteilung Seians. Doch ein Geständnis unter Folter darf angezweifelt werden.
Das Verhältnis zwischen Drusus und Seianus war angespannt, vermutlich aus Eifersucht und Konkurrenzdenken heraus. Drusus galt als temperamentvoll und jähzornig und soll Seianus sogar geohrfeigt haben. Vielleicht war sogar Livilla, die schöne Gattin des Drusus, Grund für die Ohrfeige. Nach dem Tod des Drusus wollte Seianus sich durch Heirat an die kaiserliche Familie binden. Er bat sogar den Kaiser, Livilla heiraten zu dürfen, doch Tiberius lehnte dies ab. Eine solche Ehe war aus dynastischen Gründen undenkbar.
Nach dem Tod des Germanicus und des Drusus kamen für die Nachfolge die Söhne des Germanicus oder die Söhne des Drusus in Frage. Seianus hatte wahrscheinlich nicht vor, selbst Kaiser zu werden, doch er dachte auch an seine eigene Karriere und Zukunft, denn Tiberius war schon alt. Er favorisierte Livilla und somit ihre Kinder. Von den Zwillingen Tiberius und Germanicus überlebte allerdings nur Tiberius. Die Position der Witwe des Germanicus, Agrippina, versuchte Seianus zu schwächen. Doch zunächst adoptierte der Kaiser die beiden älteren Söhne des Germanicus, Nero und Drusus, und erklärte sie im Senat zu seinen Nachfolgern.
Im Jahr 26 n. Chr. wurde Claudia Pulchra, eine Cousine und enge Freundin der Agrippina, verurteilt und verbannt. Höchstwahrscheinlich ging die Intrige gegen sie von Seianus aus, der Agrippina schaden wollte. Agrippina versuchte, die Verurteilung zu verhindern, und protestierte beim Kaiser, doch sie war nicht erfolgreich. In der Folge nahm Seianus den Kaiser gegen Agrippina ein. Das Verhältnis zwischen ihnen war ohnehin nicht gut. Agrippina hat Tiberius wiederholt provoziert und trat dabei sehr selbstbewusst auf. Seianus erklärte ihr ganz offen, dass das Gift für sie schon bereitstünde und sie die kaiserliche Tafel meiden solle. Bei einem Abendessen kam es zum Eklat. Tiberius, der neben ihr speiste, lobte die Früchte und reichte ihr einen Apfel, den sie aus Furcht vor Gift an ihre Sklaven weitergab. Den Vorwurf des Giftmordes konnte er ihr nicht verzeihen.
Nach dem Tod der Kaisermutter Livia gelang es Seianus, den Kaiser davon zu überzeugen, dass Agrippina und ihre beiden Söhne Nero und Drusus einen Anschlag auf ihn planten. Agrippina und Nero wurden verbannt, Drusus auf dem Palatin eingekerkert. Nero starb in der Verbannung, vermutlich durch Suizid. Agrippina wählte den freiwilligen Hungertod. Drusus verhungerte später im Kerker. Von den Kindern des Germanicus waren nur noch sein jüngster Sohn, der spätere Kaiser Caligula, und seine drei Schwestern übrig.
Antonia, die Schwägerin des Tiberius und nach Livias Tod die einflussreichste Frau auf dem Palatin, warnte Tiberius vor den Machenschaften Seians. Im Jahr 30 kam es zur Entmachtung des Präfekten und zu seiner Verurteilung. Tiberius muss zutiefst erschüttert gewesen sein und verließ seinen Palast auf Capri ein Jahr lang nicht. Ihm muss klar geworden sein, wie groß sein eigener Anteil an der Vernichtung seiner Verwandten war. Eine Bewertung des Kaisers Tiberius ist, auch auf Grund der negativ gefärbten Überlieferung, schwierig. In einem der nächsten Texte werde ich einen Versuch unternehmen.
Literatur:
Holger Sonnabend: Tiberius – Kaiser ohne Volk, Verlag Zabern, 2021, ISBN 978-3-8053-5258-1
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