Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 23. April 2026
Die Villa des Tiberius in Sperlonga
Wie Augustus liebte auch Tiberius die Küste Kampaniens. Bevor er sich nach Capri zurückzog, verbrachte er schon einige Monate dort und vermutlich auch einige Zeit in Sperlonga, wo Ruinen seiner Villa erhalten sind. Es war eine Villa republikanischen Ursprungs auf einem Kalksteinfelsen mit Blick über das Meer. Schon die Lage offenbart Gemeinsamkeiten mit der Villa Jovis, dem Palast auf Capri.
Die Villa in Sperlonga war nur über einen Pfad erreichbar und hatte damit etwas mit den Villen auf Capri gemeinsam, die allein durch die Insellage schon abgeschieden waren. Tiberius liebte zurückgezogene, romantische und harmonisch in die Natur integrierte Wohnsitze. Grotten und Nymphäen waren damals allgemein beliebt unter den Angehörigen der Oberschicht, die sich solch luxuriöse Bauten leisten konnten.
Es kann sein, dass Tiberius diese Villa bereits besaß, als er noch nicht Kaiser war. Später konnte sie auch Soldaten aufnehmen, die zu seinem Schutz nötig waren. Es sind entsprechende Räume und auch Überreste von Futtertrögen für die Pferde erhalten. Parallel zur Küste verlief eine überdachte Wandelhalle, die in ein Nymphäum führte. Von dort aus erreichte man auch die Höhle, in der sich ein Speisesaal befand. Dieser Speisesaal war mit monumentalen Figuren geschmückt, die unter anderem Szenen der Odyssee darstellten. Der Sage nach war Odysseus ganz in der Nähe – bei der Zauberin Kirke – gestrandet. Der Ort Circeii bzw. San Felice Circeo erinnert daran.
Tiberius liebte die Mythologie und vermutlich auch die Odyssee. Die Figuren waren von außerordentlicher Qualität und deshalb geradezu prädestiniert für eine kaiserliche Residenz. Es wird vermutet, dass die Bildhauer, die die Skulpturen schufen, aus Rhodos stammten, wo Tiberius acht Jahre lang gelebt hat.
In jener Grotte fanden Bankette statt. Es gilt als wahrscheinlich, dass die Grotte diejenige war, die in den literarischen Quellen überliefert ist. Bei einem kaiserlichen Gastmahl kam es zu einem Unglück: Von der Decke der Höhle lösten sich Felsbrocken und erschlugen einige Sklaven. Tiberius blieb unverletzt. Seianus, der berüchtigte Präfekt seiner Garde, hatte sich schützend über ihn geworfen. Und seitdem, so Tacitus und Sueton, vertraute ihm Tiberius noch mehr. Man muss Seianus zugutehalten, dass er in dieser Situation tat, was er tun musste. Wie weit sein persönlicher Ehrgeiz ging, lässt sich heute nur vermuten.
Nach jenem traumatischen Erlebnis wird Tiberius den Landsitz in Sperlonga wohl nicht mehr selbst genutzt haben. Schon einige Jahre, ehe er sich nach Capri zurückzog, muss er den Ausbau der Villa Jovis beauftragt haben, denn derartige Bauten waren aufwändig, noch dazu auf der abgelegenen Insel, deren Versorgung mit logistischen Problemen verbunden war. Der Rückzug des alten Kaisers aus Rom ist nach all den Schicksalsschlägen und Anfeindungen menschlich gesehen durchaus verständlich. Tiberius hatte wohl geplant, sich zurückzuziehen und seinem Sohn Drusus zunehmend die Regierungsgeschäfte zu überlassen. Nach dessen Tod stand er weiterhin in der Pflicht, das Imperium zu lenken, was er auf seine Weise tat.
Literatur:
Bernard Andreae: „Praetorium Speluncae“, Franz-Steiner-Verlag, 1994
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