Donnerstag, 9. Juli 2026

Die Popularität der Germanicus-Familie

Nero Claudius Germanicus wäre nach dem Willen des Augustus der dritte römische Kaiser geworden. Als Kaiser Augustus nach dem Tod seiner beiden Enkel die Nachfolge neu regeln musste, adoptierte er seinen Stiefsohn Tiberius, und Tiberius musste Germanicus adoptieren.

Germanicus war Sohn des älteren Drusus, (jüngerer) Bruder des Tiberius. Drusus der Ältere war Stiefsohn des Kaisers Augustus. Ebenso wie Tiberius war er politisch und militärisch sehr begabt, soll aber umgänglicher als Tiberius gewesen sein und Augustus nähergestanden haben.

Augustus hatte Drusus mit Antonia verheiratet, der Tochter seiner Schwester Octavia und des Marcus Antonius. Das Paar hatte drei Kinder: Germanicus, Livilla und den späteren Kaiser Claudius. Während Claudius aufgrund leichter Körperbehinderung keine Ämter absolvierte und selten öffentlich auftrat, war Germanicus sehr populär. Er war gebildet, begabt, stattlich und charismatisch. Die Herzen der Menschen flogen ihm zu.

Augustus verheiratete ihn mit seiner Enkeltochter Agrippina (der Älteren). Der Kaiser nahm, wie bei allen seinen Enkeln, Einfluss auf ihre Erziehung. Agrippina soll talentiert und charakterfest gewesen sein. Die julisch-claudische Dynastie hat Frauen und Männer mit bemerkenswerten Eigenschaften und großem Potential hervorgebracht, und es ist tragisch, dass so viele von ihnen viel zu früh starben. Krankheiten und Verletzungen, aber auch Intrigen rafften sie dahin.

Agrippina und Germanicus waren ein perfektes Paar: von vornehmster Herkunft, tadellos in ihrem öffentlichen Auftreten und dabei so glamourös, wie es sich mit den altrömischen Tugenden vereinbaren ließ. Sie müssen harmonisch zusammengelebt haben und hatten neun Kinder, von denen sechs das Kindesalter überlebten. Die Kinder wurden frühzeitig in der Öffentlichkeit präsentiert, was die Popularität ihrer Eltern steigerte.

Tiberius war ein fähiger Feldherr und Verwalter, doch er war kommunikativ ungeschickt und mochte die großen Auftritte nicht, ganz im Gegensatz zu seinem Neffen und Adoptivsohn. Augustus hatte ihn nie als Nachfolger vorgesehen, doch er musste die Aufgabe übernehmen, als alle anderen Wunschkandidaten des Princeps verstorben waren. Und er musste sich damit abfinden, dass sein leiblicher Sohn Drusus gegenüber Germanicus zurückgesetzt wurde.

Als Germanicus während seines Oberbefehls im Osten des Imperiums verstarb, war die öffentliche Trauer groß. Der Mann, den sich alle zum künftigen Herrscher wünschten, war ihnen entrissen worden, und die Gerüchte über Giftmord trafen den Kaiser, der – so dachten die Menschen – hinter dem angeblichen Mord an seinem Adoptivsohn stecken musste.

Die Beliebtheit des Germanicus übertrug sich auf seine Kinder. Als Drusus, der Sohn des Tiberius, verstarb, kamen die älteren Söhne des Germanicus, Nero und Drusus, für die Nachfolge in Frage. Tiberius adoptierte die beiden und Nero wurde als der Ältere der offizielle Thronfolger. Die Öffentlichkeit wird darüber sehr erfreut gewesen sein. Doch bald ärgerte sich Tiberius über die Ehrungen, mit denen der Senat die beiden Prinzen überhäufte.

Bei aller Zuneigung der Bevölkerung hatte die Familie des Germanicus nicht nur Freunde. Der mächtige Prätorianerpräfekt Seianus favorisierte Livilla, die Witwe des Drusus, und ihre beiden Kinder und intrigierte gegen Agrippina und ihre beiden Söhne. Er erreichte es, dass Agrippina, Nero und Drusus verurteilt wurden. Nach der Verurteilung durch den Senat gab es einen Volksauflauf um die Kurie, und die Öffentlichkeit verlangte Gnade. Doch Agrippina und Nero wurden verbannt, Drusus wurde eingekerkert. Alle drei fanden den Tod, Drusus noch nach der Entmachtung Seians. Tiberius und sein neuer Präfekt Macro hatten vorgehabt, Drusus aus dem Kerker zu holen und als Caesar zu präsentieren, falls sich die Entmachtung Seians schwieriger gestaltet hätte. Vermutlich, um seine Position zu stärken, berief Tiberius den jüngsten Sohn des Germanicus, Gaius, zu sich nach Capri.

Die Öffentlichkeit hasste den Kaiser, der Rom den Rücken gekehrt und die Intrigen Seians begünstigt hatte. Eine Welle von Todesurteilen folgte auf Seians Hinrichtung. Doch die Anwesenheit des Gaius auf Capri wurde in der Öffentlichkeit gut aufgenommen. Er war zu jung gewesen, um Seianus im Wege zu stehen, und am Hof des Kaisers war er keineswegs sicher. Dennoch galt er als Hoffnungsträger, und mit der Hilfe des Präfekten Macro konnte er sich nach dem Tod des Tiberius als Herrscher durchsetzen.

Gaius Caesar Augustus Germanicus, bekannt unter seinem Spitznamen Caligula, war von der großen Popularität seiner Eltern, die durch ihren tragischen Tod noch gesteigert wurde, emporgehoben worden in der Gunst der Menschen, und die Erinnerung an sie motivierte ihn, sein Bestes zu tun und seinem Urgroßvater Augustus nachzueifern, was ihm in den ersten beiden Jahren seiner Herrschaft gelang. Doch die Verluste lasteten schwer auf ihm, und die Jahre, die er in ständiger Lebensgefahr auf Capri verbracht hatte, prägten ihn ebenso. Die Gefahr, einer Verschwörung zum Opfer zu fallen, war für die römischen Kaiser Berufsrisiko. Das musste auch Gaius erfahren – viel zu früh in seinem jungen Leben. Literatur:

Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9

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