Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 2. Juli 2026
Wusstet ihr schon …
– dass Caligula nie so angeredet wurde?
Der dritte römische Kaiser ist unter seinem Spitznamen bekannt geworden, den ihm, als er noch ein Kleinkind war, die Soldaten der in Germanien stationierten Legionen verliehen. Doch als Kaiser wurde er so nicht angesprochen. Sein offizieller Name war Gaius Caesar Augustus Germanicus, oft auch nur Gaius Caesar oder Gaius Germanicus genannt – oder einfach nur Gaius –; unter den römischen Vornamen, die Auswahl war ohnehin nicht groß, einer der häufigsten. Zum Ende seiner Herrschaft hin wurde er auch „Herr“ genannt und der Senat schmeichelte ihm mit diversen Ehrentiteln und Götternamen. Aber das ging nicht von ihm aus.
– dass er sehr jung war?
Zu jung für eine solche Position, kann man sagen. Im Alter von 24 Jahren wurde er Herrscher über ein Weltreich und im Alter von 28 Jahren ermordet; er regierte also nur vier Jahre lang.
– dass er zwei Jahre lang vorbildlich regierte?
Gaius war Sohn des beliebten, früh verstorbenen Germanicus. Alle waren erleichtert, als Tiberius endlich tot war, und setzten ihre Hoffnungen in Gaius. Und der junge Kaiser gab sich Mühe, alle in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen. Er verteilte großzügig Geschenke, ließ sich gut beraten und orientierte sich an dem ersten Princeps Augustus. Erst nach zwei Verschwörungen änderte er sich und seine Art zu regieren.
– dass er die gesamten vier Jahre seiner Regierungszeit vom Volk geliebt wurde?
Gaius war der Oberschicht verhasst, weil er das doppelbödige Verhalten der Senatoren durchschaute und offenlegte. Als er wiederholt um sein Leben fürchten musste, begann er, sich an der Aristokratie zu rächen. Das einfache Volk liebte ihn und fühlte sich vom Kaiser vor der Aristokratie beschützt. Der Kaiser war dem Volk gegenüber fürsorglich, sorgte für die Versorgung mit Getreide, gab prächtige Spiele, warf gern eigenhändig Geld unter die Menschen und ließ Leckerbissen verteilen. Nach seiner Ermordung versammelte sich das Volk auf dem Forum und verlangte die Bestrafung der Mörder.
– dass er begeisterungsfähig war?
Der Kaiser war noch sehr jung, und seine Berater mussten ihn auch ein wenig erziehen: Es gehöre sich nicht, wenn er sich bei Musik- und Tanzdarbietungen zu sehr mitreißen ließe, laut über grobe Witze lache oder beim abendlichen Gelage einschliefe. Gaius begeisterte sich für Theater und Pantomimus, aber auch für die Wagenrennen, und er war Anhänger der „Grünen“, einer der Zirkusparteien. Er fuhr selbst Rennen, wenn auch in seiner privaten Arena.
– dass er gut aussah?
Mehrere Bilder des jungen Herrschers sind überliefert, auch Kindheits- und Jugendbildnisse. Sein Vater Germanicus war ein sehr gut aussehender Mann gewesen, und Gaius schien dieses gute Aussehen geerbt zu haben. Er sieht nicht wie ein Monster aus. Seine jugendlichen Gesichtszüge haben etwas Rührendes, doch bei aller Jugend ist Ernsthaftigkeit zu erkennen – und Intelligenz. Auf manchen Bildnissen, wirkt er wie ein eiskalter Engel, auf anderen aber ruhig und abgeklärt. Der Kaiserbiograf Sueton schrieb, Caligula hätte vor dem Spiegel Grimassen einstudiert, um besonders schrecklich zu wirken, und das, wo er doch von Natur aus schon schrecklich und finster wirkte. In den letzten Monaten seiner Herrschaft ist ein finsteres Aussehen allerdings denkbar, denn auch manche seiner Bildnisse wirken ernst und düster.
– dass seine Herrschaft bis zum Schluss stabil war?
Gaius war beim Heer bis zu seinem Tod sehr beliebt. Ruhm und Beliebtheit seines Vaters, der ein erfolgreicher Heerführer war, übertrugen sich auf ihn, und die Erinnerung an den kleinen Jungen, der in einer eigens angefertigten Uniform und Mini-Soldatenstiefelchen (Caligae, daher der Spitzname Caligula) in den Lagern herumlief, wirkte nach. Außerdem belohnte Gaius das Heer, die Prätorianer und seine germanische Leibwache auch mit Geldspenden. Das Militär, die Grundlage seiner Macht, war ihm treu ergeben.
– dass er eine glückliche Ehe führte?
Gaius war viermal verheiratet. Seine erste Frau starb wahrscheinlich im Kindbett; die zweite Ehe war nicht glücklich, angeblich hing die Frau noch an ihrem Exmann. Von seiner dritten Frau ließ er sich scheiden, weil sie unfruchtbar war. Der Kaiser dachte dynastisch und heiratete seine vierte Frau erst, als die gemeinsame Tochter Drusilla geboren war. Milonia Caesonia war älter als er und soll nicht besonders gut ausgesehen haben, doch sie kamen gut miteinander aus und er liebte sie sehr. Im Zusammenhang mit dem Mordanschlag, an dem der Kaiser starb, wurden auch Caesonia und die kleine Tochter umgebracht.
– dass er sich auch menschlich verhielt?
Als der Kaiser im Jupiter-Kostüm öffentlich auftrat und ein einfacher Mann aus dem Volk über ihn lachte, wurde dieser nicht bestraft.
Als ein Senator wegen Majestätsbeleidigung angeklagt war, wurde eine Schauspielerin, die seine Geliebte war, als Zeugin vernommen und gefoltert. Doch sie verriet ihren Liebhaber nicht. Als sie, von der Folter gezeichnet, vor den Kaiser geführt wurde, hatte er Mitleid mit ihr, begnadigte den Senator und beschenkte sie reich, weil er von ihrer Standhaftigkeit beeindruckt war.
Zweifellos übte Caligula vor allem gegen Ende seiner Regierung eine Gewaltherrschaft gegen die Oberschicht aus. Von Enttäuschung, Zynismus und Hass getrieben, unterdrückte, ruinierte und demütigte er sie. Doch diesem Verhalten waren Versuche ihrerseits vorausgegangen, ihn zu beseitigen. Er wusste, dass der Senat ihn hasste, und er ist daran zerbrochen. Ein weiterer Grund waren auch traumatische Erlebnisse in seiner Jugend und mangelnde persönliche Reife. Er war nicht geistesgestört, sondern sehr intelligent und ein hervorragender Redner. Er war eine umstrittene und widersprüchliche Persönlichkeit, und es bleibt schwierig, ihn zu bewerten.
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