Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 20. August 2026
Der feierliche Zug nach Rom und erste Maßnahmen
Nach dem Tod des Tiberius in Misenum brach Gaius bald von dort auf und geleitete in Trauerkleidung den Leichenzug des verstorbenen Kaisers. Die Bevölkerung stand Tiberius ablehnend gegenüber, und in Rom verlangten die Leute sogar, man solle ihn in den Tiber werfen. Das kam natürlich nicht in Frage. Gaius erwies sich als pietätvoller Nachfolger. Er hatte in einem Schreiben an den Senat gebeten, Tiberius die gleichen Ehrungen wie Augustus zukommen zu lassen und ihn damit auch unter die Staatsgötter zu erheben. Doch der Senat konnte sich dazu nicht durchringen, und Gaius ließ es dabei bewenden.
Ihm selbst begegneten die Leute mit Freude und Zuneigung. Sie dachten an den beliebten Germanicus und an Agrippina und die beiden Brüder, die zu Tode gekommen waren. All das rührte die Menschen. Überall am Weg wurde geopfert, in der Dunkelheit leuchteten Fackeln und die Menschen begleiteten ihn, beglückwünschten ihn und gaben ihm Kosenamen.
In Rom ernannte ihn der Senat zum Alleinherrscher und schloss damit Tiberius Gemellus aus, den leiblichen Enkel des Tiberius. Das Volk drängte gewaltsam in die Kurie, so groß war die Anteilnahme. Er hielt eine Rede, in der er den Senatoren schmeichelte und versprach, seine Herrschaft mit ihnen zu teilen. Er bezeichnete sich als ihr Sohn und Mündel. Drei Monate sollen die Festlichkeiten gedauert haben, und dabei sollen 160.000 Opfertiere geschlachtet worden sein. Gaius hielt, so Sueton, dem Tiberius unter strömenden Tränen die öffentliche Leichenrede und bestattete ihn prächtig. Wenn er ihn wirklich ermordet hat, wäre das filmreif gewesen. Dass er sich pietätvoll verhielt, war sehr wichtig; er lebte damit eine altrömische Tugend vor.
Bald danach reiste er trotz des stürmischen Wetters auf die Inseln Pandataria und Ponza, um die sterblichen Überreste seiner Mutter und seines Bruders eigenhändig zu bergen. Er ließ die Urnen feierlich nach Ostia überführen und von Rittern durch die Stadt zum Mausoleum des Augustus bringen, wieder unter großer öffentlicher Anteilnahme. Jährlich ließ er zu ihren Ehren Spiele stattfinden, und das Porträt seiner Mutter sollte bei Prozessionen mitgeführt werden. Den Monat September benannte er nach seinem Vater Germanicus. Alle Ehrungen, die je der Livia zuteilgeworden waren, übertrug er seiner Großmutter Antonia. Seinen Onkel Claudius, der bisher nur Ritter war, machte er zum Konsul als seinen Kollegen. Zusammen mit dem Kaiser Konsul zu sein, war eine besondere Ehre. Den Tiberius Gemellus adoptierte er, als er die Männertoga angelegt hatte, und hatte somit schon einen offiziellen Nachfolger ernannt.
Seine drei Schwestern, mit denen er sehr verbunden war, wurden dadurch geehrt, dass sie in jeden Eid aufgenommen wurden: „Auch will ich mich selbst und die Meinigen nicht lieber haben, als ich den Gaius und seine Schwestern lieben.“ Auch die Konsuln mussten ihn und seine Schwestern segnen.
Gaius ließ alle Verurteilten und Verbannten begnadigen und schlug die Majestätsprozesse nieder. Alte Prozessunterlagen ließ er öffentlich auf dem Forum verbrennen – doch er hatte sich Kopien davon gemacht. Und als es eine Anzeige wegen einer Verschwörung gegen ihn gab, ließ er sie nicht zu mit den Worten, er hätte nichts getan, was ihn irgendjemandem verhasst machen könnte.
Während seines ersten Konsulats setzte er sich von Tiberius ab und kritisierte dessen Fehler und einige Maßnahmen. Er wollte dem Senat stärker als sein Vorgänger entgegenkommen. Aber vor allem wurde gefeiert. Es gab öffentliche Gastmähler und Spiele und er verzichtete auf Ehrungen, die ihn über die Senatoren erhoben. In der Stadt erschien er wie ein einfacher Bürger. Gaius hätte ein allseits beliebter Kaiser wie Augustus oder Trajan werden können. Was ist schiefgegangen?
Literatur:
Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9
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