Donnerstag, 6. August 2026

Caligula auf Capri

Gegen Ende des Jahres 30, ein Jahr vor dem Sturz des Seianus, wurde Caligula, den ich vorzugsweise bei seinem Vornamen Gaius nenne, von Tiberius in dessen Residenz auf Capri beordert. Zu diesem Zeitpunkt befand sich seine Mutter in der Verbannung auf der Insel Pandateria, sein Bruder Nero war bereits in der Verbannung umgekommen und sein Bruder Drusus war auf dem Palatin eingekerkert worden.

Vielleicht hat Antonia, die Großmutter von Gaius, auf Tiberius eingewirkt. Sie sollte auch diejenige gewesen sein, die ihn vor den Machenschaften Seians in Rom warnte. Wahrscheinlich wollte Tiberius seine eigene Position stärken, indem er den Sohn des beliebten Germanicus in seine Nähe holte. Wie sich Gaius dabei fühlte, kann man bestenfalls ahnen. Er lebte fortan in der Nähe des Mannes, der den Tod seines älteren Bruders zu verantworten hatte und seine Mutter und seinen anderen Bruder verurteilt hatte.

Gaius war bestrebt, in diesem für ihn gefährlichen Umfeld zu überleben. Die Gerüchte, Tiberius wolle ihn zum Nachfolger aufbauen, mögen dem Kaiser in Rom genützt haben. Doch bis zu seinem Tod im Jahr 37 konnte sich Tiberius dazu nicht entscheiden.

Im Alter von 18 Jahren legte Gaius die Männertoga an, später als viele junge Männer seiner Zeit. Die Quellen berichten, dass er sich auf Capri bescheiden verhielt und sich in seinem Verhalten an Tiberius anpasste: Er folgte dessen Stimmungen und sogar Äußerungen. Die Schicksale seiner Mutter und seiner Brüder kommentierte er nicht. Man kann sagen, er zuckte nicht einmal mit der Wimper, als er davon erfuhr. Er soll in der Lage gewesen sein, aus dem Gesichtsausdruck eines Menschen auf dessen verborgene Absicht und Stimmung zu schließen, verfügte also über Einfühlungsvermögen und eine gute Menschenkenntnis. Dabei konnte er seine Gefühle kontrollieren. Er wurde wiederholt auf die Probe gestellt und befand sich in dauernder Gefahr. Im Unterschied zu seiner Mutter und seinen Brüdern gelang es ihm, zu überleben. Doch was war der Preis dafür? Was richtete diese schwierige Zeit in seiner Seele an?

Einige Vertraute des Tiberius favorisierten dessen Enkel Tiberius Gemellus als Nachfolger und waren Gaius nicht wohlgesonnen. Doch Gaius verstand es, sich zu behaupten, so dass sein Verhältnis zu Tiberius einigermaßen gut war, wenn man die verschlossene und misstrauische Art des Kaisers bedenkt. Gaius war eloquent, beherrschte Latein und Griechisch und nahm erfolgreich an den gelehrten Gesprächen bei den kaiserlichen Gastmählern teil. Tiberius umgab sich am liebsten mit griechischen Gelehrten, die miteinander um seine Gunst wetteiferten, und auch in diesen Situationen zeigte sich Gaius ihnen überlegen. Er war nicht nur im Elternhaus vorzüglich erzogen und ausgebildet worden, sondern er nutzte auch die Zeit auf Capri, um seine Bildung zu vervollkommnen. Darin war er fleißig und geschickt, was Tiberius offenbar für ihn einnahm. Später, als er selbst Kaiser war, wandte sich Gaius anderen Interessen zu.

Nach Seians Sturz wurden der neue Gardepräfekt Macro und seine Frau Ennia quasi Gönner und Zieheltern des jungen Mannes. Macro war nicht ständig auf Capri, und es ist naheliegend, dass sich in seiner Abwesenheit Ennia um Gaius kümmerte. Daraus resultieren wohl die Gerüchte, Gaius hätte ein Verhältnis mit ihr begonnen. Aber wie wahrscheinlich ist es, dass er sich so unklug verhielt? Macro soll ihm mehrmals das Leben gerettet haben, und Gaius brauchte ihn. Im Jahr 33 fand die erste Hochzeit von Gaius in Antium statt, die Tiberius ausrichtete und an der er teilnahm. Die Gattin Junia Claudilla starb allerdings bald, wahrscheinlich im Jahr 36, bei der Geburt eines Kindes – das wohl auch nicht überlebte. An der Stelle seines Bruders Drusus wurde er Augur und noch ehe er geweiht wurde, Oberpriester – laut Sueton auf Grund seiner Loyalität und Eignung.

Als Tiberius im Jahr 37 starb, sorgte der Gardepräfekt Macro dafür, dass Gaius Princeps wurde. Die Prätorianer standen hinter ihm, und auch der Senat erkannte ihn an. Der Sohn des Germanicus war Hoffnungsträger und Liebling des Volkes. Und in den ersten beiden Jahren seiner Regierung bemühte sich der junge Kaiser, dem Beispiel seines Großvaters Augustus zu folgen.

Literatur:

Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9

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