Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 23. Juli 2026
Kindheit und Jugend des Caligula
Gaius wurde schon als kleiner Junge an die ganz großen Auftritte gewöhnt – vielleicht noch mehr als seine beiden älteren Brüder.
Sein Vater Germanicus hatte seit dem Jahr 13 n. Chr. den Oberbefehl in Germanien inne. Er leitete die Rachefeldzüge gegen Arminius, deren Erfolg jedoch ausblieb. Agrippina folgte ihrem Gatten, und bald wurde auch der kleine Gaius hinterhergeschickt. Er war damals etwa zwei Jahre alt. Seine resolute Mutter Agrippina mag wohl die Idee gehabt haben, für den kleinen Sohn eine Soldatenuniform und Soldatenstiefelchen anfertigen zu lassen. So ausstaffiert wurde Gaius der Liebling der Truppen. Das wurde bedeutsam, als die Legionen meuterten und Agrippina mit Gaius aufbrach, um Schutz jenseits der Lager zu suchen, was die Soldaten beschämte.
Man kann sich das einigermaßen vorstellen. Gaius war das Maskottchen der Truppen und vermutlich trat er bei allerlei öffentlichen Anlässen in Erscheinung: wenn Germanicus zu den Truppen sprach, wenn er opferte oder den Soldaten den Eid abnahm. Das war viel Aufmerksamkeit für ein Kleinkind. Gaius als jüngster Sohn verbrachte mehr Zeit mit seinen Eltern, besonders seinem beliebten und populären Vater, als seine Brüder Nero und Drusus. Der Grund dafür war naheliegend. Nero, damals ungefähr sieben Jahre alt, und Drusus, fünf oder sechs Jahre alt, wurden vermutlich schon gründlich durch Lehrer und Erzieher ausgebildet, während Gaius das Nesthäkchen war. Neben diesen sachlichen Gründen ist es denkbar, dass die Eltern sich von ihrem jüngsten Sohn nicht trennen wollten. Sueton berichtet, dass drei Kinder von Germanicus und Agrippina früh starben, zwei als Säuglinge und ein Sohn, der besonders liebenswürdig war, an der Schwelle zum Knabenalter“ – ungefähr zwei Jahre alt. Nicht nur die Eltern, auch die Großeltern, Augustus und Livia, liebten das Kind abgöttisch. Gaius – Caligula erbte den Vornamen des verstorbenen Bruders und war für die Familie ein Hoffnungsträger, ein Geschenk des Schicksals, das den Eltern wohl zu wertvoll war, als dass sie es in Rom zurücklassen konnten. Es ist ein Brief des Kaisers Augustus an Agrippina überliefert, die sich schon auf der Reise zu Germanicus befand. Augustus schrieb ihr, dass ihnen der „Knabe Gaius“ hinterhergesandt worden sei, in Begleitung zweier Vertrauter und eines Arztes, den Germanicus behalten dürfe. Sueton berichtet, dass Gaius als Kind an Fallsucht – Epilepsie – litt. Die familiäre Sorge um den jüngsten Spross der Germanicus-Familie ist spürbar.
Im Jahr 17, als Gaius fast fünf Jahre alt war, zog Germanicus als Feldherr im Triumph in Rom ein. Gaius und seine damals vier Geschwister (Nero, Drusus, Agrippina die Jüngere und Drusilla) fuhren mit auf dem Triumphwagen ihres Vaters. Der Triumph war mehr als eine Militärparade, sondern eine traditionelle und religiöse Zeremonie. Der siegreiche Feldherr kehrte zum höchsten Gott Jupiter zurück, der ihm beigestanden hatte. Ganz Rom feierte den Sieger und, in diesem Fall, seine ganze Familie. Alle hofften, er würde Kaiser werden, und auch seine Kinder wuchsen in dieser Hoffnung auf.
Nicht lange nach dem Triumph erhielt Germanicus den Oberbefehl über die Ostprovinzen. Er brach mit Agrippina dorthin auf, und wieder war Gaius bei seinen Eltern, während die anderen vier Kinder in Rom blieben. Als Fünfjähriger erlebte er die Reise bewusst mit, und die Eindrücke und Erlebnisse müssen ihn geprägt haben. Neben diplomatischen Aufgaben, die Germanicus absolvierte, besichtigte die Familie kulturell sowie geschichtlich bedeutsame Orte. Im Osten des Imperiums wurden Angehörige der kaiserlichen Familie als Götter verehrt. Auf der Insel Lesbos gebar Agrippina ihr jüngstes Kind, eine Tochter, Julia Livilla. Die Metropolen Antiochia und Alexandria, die Ehre, die seinen Eltern zuteilwurde, die Begegnung mit den alten Hochkulturen müssen den Jungen nachhaltig beeindruckt haben.
Doch die Reise endete tragisch: Im Oktober des Jahres 19 erkrankte Germanicus und starb. Er und Agrippina beschuldigten Piso, den Statthalter von Syrien, ihn vergiftet zu haben. Piso, ein Freund des Kaisers Tiberius, sollte wohl Germanicus beraten und ihm helfen, aber die beiden kamen nicht miteinander aus. Das Gerücht des Giftmordes fiel auf den Kaiser und seine Mutter Livia zurück. Agrippina kehrte mit ihren beiden Kindern, Gaius und der kleinen Livilla, und der Asche ihres Mannes nach Rom zurück. Schon in Brundisium wurde sie mit großer öffentlicher Anteilnahme empfangen. Wie mag Gaius all das erlebt haben? Der Verlust des Vaters war für den Jungen ein schwerwiegender Einschnitt. Wahrscheinlich nahmen er und seine Geschwister an der Trauerfeier in Rom und an der Beisetzung im Mausoleum des Augustus teil.
Damit endeten die großen öffentlichen Auftritte. Agrippina und ihre Kinder lebten auf dem Palatin in Rom oder auf ihren Landgütern. Als der Prätorianerpräfekt Seianus mächtiger wurde, intrigierte er gegen die Familie des Germanicus. Agrippina und Nero wurden verbannt, Drusus wurde eingekerkert. Gaius und seine drei Schwestern lebten weiter auf dem Palatin, unter der Obhut ihrer Urgroßmutter Livia. Nach Livias Tod übernahm die andere Urgroßmutter Antonia diese Aufgabe. Im Jahr 31 rief Tiberius Gaius zu sich nach Capri. Bisher hatte den Jungen seine Jugend geschützt, doch von da an musste er äußerst vorsichtig sein, wenn er überleben wollte.
Literatur:
Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9
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