Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 17. September 2026
Erste Krise und Konsequenzen
Ein römischer Kaiser konnte nicht allein bestehen. Immer gab es Personen, die ihm nahestanden, ihn berieten, ihn förderten. Das waren zu Beginn der Herrschaft Caligulas vor allem zwei Männer, die auch dafür gesorgt hatten, dass er als Kaiser anerkannt wurde: Macro, der Präfekt der Garde, und Silanus, der erste Mann im Senat und ehemaliger Schwiegervater des Princeps. Dass Gaius sofort die Garde hinter sich hatte, war der erste und wichtigste Schritt, und Silanus sorgte dafür, dass der Senat dem jungen Kaiser alle Befugnisse übertrug.
Damit wurde das Testament des Tiberius außer Kraft gesetzt, wonach Gaius und Tiberius Gemellus zu gleichen Teilen Erben sein sollten. Doch der leibliche Enkel des Kaisers war ein Konkurrent für den Sohn des Adoptivsohnes. Gaius adoptierte Tiberius, vermutlich auf Rat seiner beiden „väterlichen“ Berater. Das war eine geschickte Maßnahme, um Tiberius Gemellus einzubinden, aber auch, um offiziell für Ausgleich zu sorgen. Dennoch war es eine problematische Situation, die die Gefahr der Eskalation in sich trug, denn der Altersunterschied zwischen Adoptivvater und Adoptivsohn betrug lediglich sieben Jahre. Wie es auch um die Ambitionen des Tiberius Gemellus bestellt gewesen sein mag: Die Gefahr, eines Tages durch ihn und Anhänger von ihm gestürzt zu werden, muss Gaius bewusst gewesen sein.
Im Oktober des Jahres 37 erkrankte Gaius schwer. Genaueres über die Krankheit ist nicht überliefert, aber der Kaiser muss in Lebensgefahr geschwebt haben. Die Anteilnahme der Öffentlichkeit war groß. Menschenmengen umlagerten jede Nacht den Palatin. Das Volk sorgte sich um seinen Liebling, und die Überlegungen, wer ihm nachfolgen würde, sollte er sterben, verunsicherten die Leute. Nicht nur die Bevölkerung sorgte sich, sondern auch die führenden Berater des Kaisers. Sie rechneten mit dem Tod ihres Schützlings und bereiteten die Thronfolge des Tiberius Gemellus vor. Es ist verständlich, dass ein Plan B hermusste, und alle, die daran mitwirkten, handelten realistisch und verantwortungsvoll. Doch es war noch zu früh für diese Maßnahmen, denn Gaius starb nicht.
Der Kaiser sorgte sich vor allem um diejenigen, die ihm am nächsten standen: seine drei Schwestern und Aemilius Lepidus, seinen engsten Freund im Senat und Gatten seiner Lieblingsschwester Drusilla. Eine Herrschaftsübernahme durch Tiberius Gemellus hätte sie von der Macht ausgeschlossen und womöglich auch ihr Leben bedroht. Deshalb handelte er und bestimmte auf dem Krankenbett Drusilla zur Erbin seines Vermögens und der Herrschaft. Damit wäre Lepidus sein Nachfolger geworden. Mit dieser Entscheidung setzte sich Gaius über Macro und Silanus hinweg. Was sie getan hatten, war zwar im Staatsinteresse das Naheliegende gewesen, hatte für den Kaiser jedoch den Charakter einer Verschwörung.
Sobald er genesen war, bezichtigte Gaius Tiberius Gemellus des Hochverrats und verurteilte ihn zum Tode. So grausam dieses Urteil den jungen Mann traf, der erst darin unterwiesen werden musste, Suizid zu begehen, so alternativlos war die Tat für den Kaiser. Nun waren auch die Positionen von Macro und Silanus geschwächt. Wahrscheinlich Anfang des Jahres 38 wurden Macro und seine Frau Ennia gestürzt. Gaius ernannte Macro zunächst zum Präfekten von Ägypten, und an seiner Stelle ernannte er zwei neue Gardepräfekten. Macro hatte keine Gelegenheit, sein Amt in Ägypten anzutreten. Er und weitere Personen wurden angeklagt und zum Selbstmord gezwungen oder hingerichtet. So wie ihr Mann beging auch Ennia Suizid.
Nach dem Sturz des Gardepräfekten erklärte Gaius im Senat, dass Silanus bei ihm in Ungnade gefallen war. Ihm wurde das Vorrecht, zuerst sprechen zu dürfen, entzogen. Die Ungnade des Kaisers war quasi das Todesurteil, und Silanus wusste das. Er wartete nicht auf die offizielle Anklage, sondern nahm sich das Leben, um seiner Familie das Vermögen zu erhalten.
Wie Gaius selbst dabei empfand, diejenigen zu beseitigen, die ihn unterstützt hatten, ist nicht überliefert, doch bei all den Intrigen, denen er, seine Eltern und seine Geschwister am Hofe ausgeliefert und teilweise zum Opfer gefallen waren, sah er sich wohl gezwungen, zwischen dem Wohl seiner alten Ratgeber und seines eigenen und seiner Familie zu entscheiden. Das Überleben in einer Schlangengrube hatte er gelernt. Doch die Ereignisse müssen Spuren in ihm hinterlassen haben.
Literatur:
Aloys Winterling: "Caligula", Beck-Verlag, München 2019, ISBN 978 3 406 74269 9
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