Freitag, 14. Februar 2025

Tiberius und seine Mutter Livia

Livia, die Gattin des Augustus, war als „Kaiserin“ eine öffentliche Person ohne offizielle Machtbefugnisse. Aber sie gehört zu den Frauen im alten Rom, die sich dennoch immer wieder aktiv in der Politik und Öffentlichkeit einsetzte.

Sie war gerade sechzehn Jahre alt und noch Gattin des Tiberius Claudius Nero, als sie ihren älteren Sohn zur Welt brachte. Als sie mit Drusus, dem jüngeren Bruder des Tiberius, schwanger war, heiratete sie Octavianus, der sich selbst Julius Caesar nannte, den späteren Kaiser Augustus. Er, der mächtigste Römer seiner Zeit, hatte mit Nero einen „Deal“ ausgehandelt, so dass dieser ihm seine Gattin überließ. Livia war für Augustus eine Verbindung zum alten Adel – er selbst war Sohn eines Ritters gewesen. Sie erwies sich als die ideale Gattin an seiner Seite. Beide gingen lebenslang respektvoll miteinander um, und Livias Lebenswandel soll moralisch einwandfrei gewesen sein – im Gegensatz zu dem ihres Gatten. Aber es war bekannt, dass sie sich ehrgeizig in die Politik einmischte, und man traute ihr auch Morde zu.

Fakt ist, dass sie sich für Tiberius als Thronfolger einsetzte. Sie war mit ihren Bemühungen schon deshalb erfolgreich, weil alle anderen und wahrscheinlich besser geeigneten Kandidaten verstorben waren. Auch die unglückliche Ehe des Tiberius mit Julia, der Tochter des Augustus, war sicher mit ihrem vollen Einverständnis geschlossen worden. Für Tiberius war dies ein großes privates Unglück, aber aus dynastischen Gründen war die Verbindung unumgänglich.

Nach dem Tod des Augustus wurde sie hoch geehrt: testamentarisch wurde sie Priesterin im Kult des vergöttlichten Ehemannes und erhielt auch den Titel „Augusta“, womit sie deutlich mehr war als nur die Frau des (verstorbenen) Herrschers. Sie war ihm nun beinahe ebenbürtig. Und sie war auch Kaisermutter. Leider beging sie den Fehler, Tiberius immer wieder zu bedrängen und zu beeinflussen, und immer wieder forderte sie Dankbarkeit bei ihm ein, weil er ja seine Position nur ihr verdankte. Und diese Äußerungen wird sie bestimmt nicht nur in privaten Räumen von sich gegeben haben. Tiberius, der immerhin schon 55 Jahre alt war, ärgerte sich sehr darüber. Der Kaiserbiograf Sueton sprach von Feindseligkeit zwischen Mutter und Sohn.

Wäre Livia geschickter vorgegangen, hätte Tiberius seine Mutter als Persönlichkeit sicher bewundert. Die Eskalationen erreichten neue Höhepunkte. Als einem Mann das Bürgerrecht verliehen worden war und Livia Tiberius immer wieder aufforderte, diesen Mann in die Listen der Richter aufzunehmen, antwortete der Kaiser, er werde dies unter der Bedingung tun, dass er einen schriftlichen Vermerk hinzufügen dürfe, wonach ihm das Zugeständnis von seiner Mutter abgepresst worden war.

Livia ging in ihrem Ehrgeiz so weit, dass sie private Briefe veröffentlichte, in denen sich Augustus über Tiberius beklagt hatte, darüber, wie er einem Menschen alles verleiden könne und wie unausstehlich er sei. Dass Tiberius darüber sehr verärgert war, ist kein Wunder. Auch das schlechte Verhältnis zu seiner Mutter war ein Grund (wenn auch nicht der entscheidende) dafür, dass Tiberius sich nach Capri zurückzog.

Er verhinderte von nun an weitere Ehrungen für Livia. Sie sollte „Mutter des Vaterlandes“ werden. Tiberius lehnte dies ab; er selbst hatte den Titel „Vater des Vaterlandes“ zurückgewiesen. Bei Livias morgendlichen Empfängen standen die Leute Schlange – sie empfing Klienten wie jeder hochrangige Römer und Politiker, und die Öffentlichkeit sah in ihr eine Person, die für das Gemeinwesen wichtig war und die auch Verantwortung trug. Bei einem Brand in Rom war Livia zur Stelle und feuerte Soldaten und die Menge an, die Flammen zu bekämpfen. Sicher half sie auch bei der Koordination.

Tiberius hatte nun genug und begann, seine Mutter zu entmachten. Zunächst brach er den Kontakt zu ihr ab. Als sie achtzigjährig erkrankt war, hatte Tiberius noch einen Aufenthalt in Kampanien unterbrochen und war zu ihr nach Rom geeilt. Als Livia bei der Einweihung einer Augustus-Statue in der Inschrift ihren Namen vor dem ihres Sohnes setzen ließ, kam es zum endgültigen Bruch. Tiberius entzog Livia jeglichen öffentlichen Einfluss und reduzierte sie auf ihre „häuslichen Geschäfte“. Sie war nun nicht mehr Kaisermutter und Politikerin, sondern eine gewöhnliche Matrone.

Als Tiberius sich nach Capri zurückgezogen hatte, begegneten sich Mutter und Sohn nur noch einmal für wenige Stunden. Als sie 29 n.Chr. schwer erkrankte, besuchte er sie nicht. Bei ihrem Tod war er nicht anwesend, und auch ihrer Bestattung blieb er fern und entschuldigte sich schriftlich mit einer durchschaubaren Ausrede, er sei terminlich verhindert. Gaius, ihr Urenkel, der spätere Kaiser Caligula, hielt die Ansprache bei der Trauerfeier. Livia wurde im Mausoleum des Augustus beigesetzt, doch Tiberius erklärte all ihre testamentarischen Verfügungen für ungültig und verweigerte ihr die Apotheose, die Erhebung zu den Staatsgöttern.

Tiberius, der nun auch gegen das Gebot der Pietät seiner Mutter gegenüber verstieß, zog sich damit noch mehr Unverständnis und Hass zu.

Erst dreizehn Jahre später ließ Kaiser Claudius, Sohn des älteren Drusus, die Apotheose der Livia durchführen.

Literatur:

Holger Sonnabend: Tiberius – Kaiser ohne Volk, Verlag Zabern, 2021, ISBN 978-3-8053-5258-1

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