Samstag, 1. März 2025

Tiberius und Agrippina die Ältere

Agrippina die Ältere war Tochter des M. Vipsanius Agrippa und der Julia, Tochter des Augustus. Sie war die Enkeltochter des Princeps und Schwester der hoffnungsvollen Kaiser-Enkel Gaius Caesar und Lucius Caesar, die beide frühzeitig starben. Agrippina die Ältere war Ehefrau des Germanicus, in den ebenfalls große Hoffnungen gesetzt wurden. Mit ihm hatte sie mehrere Kinder, unter anderem den späteren Kaiser Caligula. Ihre Tochter Agrippina die Jüngere wurde Mutter des Kaisers Nero. Zur Familie des Germanicus habe ich im anderen Blog einen Text geschrieben.

Augustus schätzte seine Enkeltochter sehr, lobte sie für ihre Talente und guten Eigenschaften. Auf Bildnissen sieht sie hübsch aus, aber man weiß natürlich nicht, wie hoch der Grad der Idealisierung war. Ihre typische Frisur war der Mittelscheitel, die lockigen Haare sind zur Seite gekämmt und im Nacken zusammengebunden. Einige lockige Strähnen, teils auch Zöpfe fallen ihr auf die Schultern. Sie war eine stolze, selbstbewusste Frau, voller Engagement für ihren Gatten und ihre Familie. Ihre Bildnisse strahlen das aus.

Frauen, auch die der kaiserlichen Familie, hatten sich tadellos zu benehmen und vornehm zurückzuhalten. Ihr Einfluss beschränkte sich auf Bitten und Fürsprache. Agrippina war sich ihrer herausragenden Stellung bewusst und ging einige Male über das Übliche hinaus.

Tiberius als Kaiser förderte seinen Neffen und Adoptivsohn Germanicus ganz im Sinne des Augustus. Als es beim germanischen und pannonischen Heer zu Aufruhr kam, sandte Tiberius Germanicus nach Germanien, seinen leiblichen Sohn Drusus zusammen mit Seian nach Pannonien. Die germanischen Truppen wollten den beliebten Germanicus sogar zum Kaiser machen, dieser lehnte jedoch erschrocken ab. Es war eine schwierige Situation. Agrippina war schwanger, und der kleine Gaius, der damals in Mini-Soldatenstiefelchen (daher sein Spitzname Caligula) durchs Lager spazierte, war der Liebling der Truppen. Agrippina gelang es, die Soldaten zu beschämen, weil sie sich im Lager nicht mehr sicher fühlte und es verlassen wollte.

Ähnlich resolut verhielt sie sich, als nach der verlustreichen Schlacht an den pontes longi, die beinahe wie die Varus-Niederlage eskaliert wäre, dagegen verwahrte, eine Rheinbrücke zum Schutz vor den Germanen abzureißen. Damit wäre den Truppen des Aulus Caecina der Rückweg abgeschnitten worden. Und sie tat noch mehr: sie erwartete die Soldaten persönlich und verteilte Kleidung und Verbandsstoffe.

Tiberius, der ohnehin Probleme mit der Einflussnahme seiner Mutter Livia hatte, misstraute Agrippina zutiefst. Nun übernahm sie sogar Pflichten eines Feldherrn und machte sich bei den Soldaten beliebt! Aulus Caecina, der Agrippina eigentlich hätte dankbar sein müssen, sprach sich im Senat gegen die Anwesenheit der Statthalterfrauen in den Provinzen aus – vermutlich, um Tiberius zu schmeicheln. Doch Drusus, der Sohn des Tiberius, stimmte entschieden dagegen.

Als Germanicus in diplomatischer Mission in den Orient gesandt wurde, kam es dort zu Verstimmungen und Feindschaft mit Piso, dem Statthalter von Syrien, und dessen Ehefrau Plancina. Piso war ein Freund des Tiberius und Plancina war eine Freundin der Livia. Wahrscheinlich sollten beide das junge Paar unter ihre Fittiche nehmen, aber wenn dies der Plan war, ging er gründlich schief. Germanicus bereiste ohne Erlaubnis Ägypten, worüber Tiberius sich ärgerte. Piso und Plancina begaben sich schließlich auf die Insel Kos.

Germanicus erkrankte in Syrien und starb sehr bald darauf. Agrippina beschuldigte Piso und Plancina des Giftmordes und der Hexerei. Indirekt traf der Verdacht Tiberius und Livia. In Syrien wurde ein neuer Statthalter eingesetzt, aber Piso beging den Fehler, sich seiner alten Provinz wieder bemächtigen zu wollen. Das war Rebellion und Hochverrat.

Agrippina reiste mitten im Winter, wie auf der Flucht, von Syrien aus nach Rom. Ihre beiden Kinder Gaius und Livilla begleiteten sie, als sie die Urne ihres Gatten überführte. Aus Illyrien kamen Drusus (Sohn des Tiberius) und seine Frau Livilla nach Italien und begleiteten den Trauerzug. In Rom herrschte mehrere Monate lang Staatstrauer. Doch bei der Beisetzung des Germanicus im Mausoleum des Augustus fehlten Tiberius und Livia. Auch Antonia, die Mutter des Germanicus, war nicht anwesend.

Die Gerüchteküche brodelte. Piso und seine Familie wurden angeklagt, aber freigesprochen. Doch Piso, der beim Kaiser in Ungnade gefallen war, tötete sich selbst.

Man kann davon ausgehen, dass Agrippina in ihrer Trauer nun misstrauisch gegenüber Tiberius und Livia blieb. Drusus, der Sohn des Tiberius, der nun Nachfolgekandidat war, kümmerte sich auch um Agrippinas Kinder. Ihr ältester Sohn wurde mit seiner Tochter Julia verheiratet.

Als Drusus starb, war das ein schwerer Schlag für Tiberius. Da seine beiden Enkel noch zu jung für die Nachfolge waren, empfahl er dem Senat die Söhne der Agrippina, Nero und Drusus. Doch Agrippina und Livilla, Gattin des verstorbenen Drusus, intrigierten wahrscheinlich gegen den Kaiser. Seian hatte Tiberius vergeblich gebeten, Livilla heiraten zu dürfen. Der Kaiser verweigerte auch Agrippina den Wunsch nach einem neuen Gatten. Diese Positionen mussten idealerweise innerhalb der Familie vergeben werden, und es stand niemand zur Verfügung. Bei einem Gastmahl weigerte sich Agrippina, einen Apfel zu essen, den ihr Tiberius reichte. Er beklagte sich bei seiner Mutter Livia darüber, dass sie ihn offen des Giftmordes verdächtigte und längst die Konsequenzen für ein solches Verhalten tragen müsste.

Als die Freundin der Agrippina, Claudia Pulchra, angeklagt wurde – wegen angeblicher Hexerei und Verdacht eines Mordanschlages auf Tiberius – versuchte Agrippina, sich für sie einzusetzen. Aber der Kaiser wies sie ab, und Claudia wurde verbannt. Das Verhältnis der beiden war zerrüttet.

Als sich Tiberius, höchstwahrscheinlich von Seian ermutigt, nach Capri zurückzog und sein Gardepräfekt in Rom das Sagen hatte, wurde Agrippina angeklagt und in die Verbannung geschickt, wo sie später starb. Ihr Sohn Nero wurde ebenfalls verbannt, ihr Sohn Drusus wurde in Rom in einen Kerker gesperrt, wo er verhungerte.

Nach dem Sturz Seians wurde Caligula zu Tiberius nach Capri beordert. Tiberius fand auf der Insel keinen Frieden mehr. Nach seinem Tod ließ Caligula den Enkel des Tiberius ermorden und übernahm mit Hilfe des Prätorianerpräfekten Macro die Herrschaft über das Imperium. Die sterblichen Überreste seiner Mutter und seines Bruders ließ er nach Rom überführen. Hätte Agrippina länger gelebt, sie hätte wohl nicht lange Freude am Ruhm ihres Sohnes gehabt.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen