Samstag, 15. März 2025

Julia, die Tochter des Augustus

Scribonia, Mutter der Julia, war die zweite Frau des Augustus, der damals noch Octavianus hieß. Sie war Tochter eines Verbündeten des Pompejus, und Octavian heiratete sie aus politischen Gründen. An dem Tag, an dem die Tochter Julia geboren wurde, soll Augustus von Scribonia geschieden worden sein, und umgehend heiratete er Livia Drusilla, ebenfalls aus politischem Kalkül. Wahrscheinlich wurde Julia von Livia aufgezogen und Tiberius, Livias damals dreijähriger Sohn, war somit ihr Stiefbruder. Zu schade, dass wir nichts Näheres über das Verhältnis der beiden Kinder wissen!

Augustus ließ Julia schon als Kleinkind mit einem Sohn des Marcus Antonius verloben, der damals sein Verbündeter war. Als Antonius zum Gegner geworden war, wurde die Verlobung gelöst und der beinahe-Schwiegersohn wurde nach der Schlacht bei Actium umgebracht. Sobald Julia in heiratsfähigem Alter war, wurde sie mit Marcellus verheiratet, dem Sohn von Octavia, der Schwester des Augustus. Marcellus war sehr beliebt und galt als Nachfolgekandidat des Augustus. Als dieser nur zwei Jahre nach der Eheschließung starb, wurde die nächste politische Ehe geschlossen: Julia heiratete Agrippa, den treuen Helfer und Stellvertreter des Augustus. Agrippa musste sich zuvor von Marcella, der Schwester des Marcellus, scheiden lassen. Agrippa und Julia hatten fünf gemeinsame Kinder: Gaius Caesar und Lucius Caesar, Agrippina die Ältere (später Ehefrau des Germanicus), Julia und Agrippa Postumus. Julia galt als schöne und kluge Frau, war sanft, aber auch schlagfertig.

Gaius und Lucius wurden schon ab Babys von Augustus adoptiert. Gemeinsam mit ihrem Ehemann reiste Julia in die östlichen Provinzen, wo die beiden Töchter geboren wurden. Als Agrippa 12 v. Chr. starb, wurde Julia, nachdem sie Agrippa Postumus, den jüngsten Sohn, geboren hatte, mit Tiberius verheiratet. Tiberius stand auf einem Höhepunkt seiner Laufbahn, war gerade mit der tribunizischen Gewalt für fünf Jahre ausgestattet worden und er wäre schon damals Kandidat für die Herrschaft gewesen, bis die beiden Söhne der Julia nachrücken konnten.

Tiberius musste sich von seiner Gattin Vipsania Agrippina scheiden lassen, mit der er ein Kind hatte und ein weiteres Kind erwartete. Er liebte seine Frau und obwohl er gehorchte, war die erzwungene Ehe mit Julia ein Schicksalsschlag für ihn. Tiberius war ein schwieriger Mensch und die gute Ehe, die er mit Vipsania führte, war wichtig für ihn, wichtiger, als es für andere Männer an seiner Stelle gewesen wäre. Anfangs sollen sich er und Julia um ein gutes Verhältnis bemüht haben, und Julia wurde schwanger. Sie begleitete ihn nach Illyrien, wo ein gemeinsames Kind geboren wurde, das aber bald starb.

Tiberius litt unter der Zurücksetzung hinter den beiden Prinzen und Julia war wahrscheinlich stolz und ihm gegenüber hochfahrend. Hinzu kam Julias lockere Lebensweise, für die sie allgemein bekannt war. Bald war es öffentlich bekannt, dass beide Ehepartner getrennt lebten, ohne gemeinsames Schlafzimmer. Augustus erlaubte es Julia nicht, sich scheiden zu lassen, weil er fürchtete, dass ein neuer Ehemann ihm politisch gefährlich werden konnte. Mit seinem Rückzug nach Rhodos vollzog Tiberius dann die Trennung, ohne sich von Julia scheiden zu lassen.

Während sich Tiberius auf Rhodos befand, kam es zur Verurteilung und Verbannung von Julia. Augustus löste die Ehe zwischen Julia und Tiberius auf. Anschließend wurde sie vor dem Senat angeklagt, mit ihren Liebhabern den Mord an ihrem Vater, Augustus, geplant zu haben. Es wird angenommen, dass Julia mit ihrer lockeren Lebensweise gegen ihren Vater protestierte. Sie war es leid, Instrument seiner Politik zu sein. Vielleicht gab es wirklich eine Verschwörung. Julia wurde auf die Insel Pandateria verbannt. Ihre Mutter Scribonia begleitete sie freiwillig ins Exil. Mit Julia wurden zahlreiche Männer und Frauen aus ihrem Umfeld verurteilt und sogar hingerichtet.

Wie sich Augustus fühlte, als er sein einziges Kind seinen politischen Interessen opferte, kann ich mir unmöglich vorstellen. Jedenfalls sah er schnell wieder nach vorn. Sein Adoptivsohn Gaius erhielt ein den Statthaltern übergeordnetes Imperium und wurde in diplomatischer Mission in den Osten des Reiches gesandt. Er war somit zweiter Mann im Staate. Ein Versuch des Tiberius, Gaius seine Loyalität zu bekunden, scheiterte.

Julia sollte ihre Kinder nie wieder sehen. Gaius und Lucius starben während ihres Exils. Tiberius setzte sich formal bei Augustus für sie ein. Nach einigen Jahren durfte Julia die Insel verlassen und sich in Rhegium auf dem Festland niederlassen. Nach dem Tod des Augustus verweigerte ihr Tiberius jegliches Einkommen, und sie verhungerte im Exil. Ihre Tochter Julia und ihr Sohn Agrippa Postumus wurden verbannt, er wurde nach dem Tod des Augustus ermordet. Angesichts dieser familiären Tragödien ist es bemerkenswert, dass Augustus selbst eine harmonische Ehe mit Livia führte, obwohl diese kinderlos blieb. Livia verstand es, sich ihm unterzuordnen: ihre Loyalität wurde von ihm honoriert.

Literatur:

Hildegard Temporini: „Die Kaiserinnen Roms“, Beck-Verlag, München, 2002, ISBN 3 406 495133

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen