Donnerstag, 27. März 2025

Tiberius und Germanicus

Nero Claudius Germanicus wurde 15 v.Chr. geboren. Seinen Namen, der wie ein Siegertitel klingt, hatte er von seinem Vater Drusus, dem Bruder des Tiberius, geerbt. Seine Mutter war die jüngere Antonia, Tochter von Marcus Antonius und Octavia, Schwester des Augustus. Somit war Germanicus Großneffe des Augustus, Enkelsohn der Livia und Neffe des Tiberius.

Bildnisse des Germanicus sind typisch für die augusteische Zeit; sie zeigen wenig individuelle Merkmale. Auffallend sind die relativ langen Nackenhaare, meist lockig, bei manchen Bildnissen sind die Haare wellig und ein leichter Bartansatz ist zu sehen. Ansonsten wirkt Germanicus jung und idealisiert, und jung war er: der hoffnungsvolle Aristokrat wurde nur 34 Jahre alt.

Nachdem die Enkel des Augustus, die auch seine Adoptivsöhne waren und seine Nachfolger werden sollten, jung gestorben waren, musste der Princeps die Nachfolge neu regeln. Nun war Tiberius an der Reihe: er wurde adoptiert und musste seinerseits Germanicus adoptieren, so dass dieser im Grunde schon zum künftigen Kaiser bestimmt war. Tiberius war zu diesem Zeitpunkt 46 Jahre alt, Germanicus war 29.

Augustus förderte ihn noch stärker: Germanicus wurde mit Agrippina der Älteren, der Enkeltochter des Princeps, verheiratet. Die Ehe muss harmonisch gewesen sein, und das junge Paar hatte neun gemeinsame Kinder – darunter den späteren Kaiser Caligula und Agrippina die Jüngere, später Gattin des Kaisers Claudius und Mutter des Kaisers Nero.

Tiberius mag darüber enttäuscht gewesen sein, dass er seinen leiblichen Sohn Drusus dem Germanicus gegenüber zurücksetzen musste. Aber er stellte die Entscheidungen des Augustus nicht in Frage und tat, was der Princeps von ihm erwartete. Als Augustus zehn Jahre später starb, förderte Tiberius den Germanicus ganz im Sinne seines Adoptivvaters.

Als nach dem Tod des Augustus die Truppen in Germanien meuterten, war Germanicus vor Ort mit der Revolte konfrontiert. Er begab sich von der Gallia Belgica aus ins heutige Köln, wo die Soldaten meuterten. Sie verlangten bessere Lebensbedingungen und höheren Sold. Und als sie den beliebten jungen Caesar bei sich hatten, gingen sie so weit, ihn zum Kaiser machen zu wollen.

Ob Germanicus wohl ernsthaft daran gedacht hat, zu usurpieren? Er tat jedenfalls das, was er in der Regel gut konnte: er widerstand der Versuchung und inszenierte öffentlich seine Erschütterung, indem er drohte, sich in sein Schwert zu stürzen: er wolle lieber sterben, als den Kaiser zu verraten. Wahrscheinlich rechnete er damit, dass die Soldaten ihn davon abhalten würden, aber tatsächlich taten das nur wenige, die meisten schauten unbeteiligt zu, andere ermutigten ihn sogar, sein Vorhaben auszuführen.

Während dieser Unruhen gelang es Agrippina, die Soldaten zu beschämen, indem sie Anstalten machte, zusammen mit dem kleinen Sohn Gaius (Caligula) das Lager zu verlassen, weil sie sich unter den Meuterern nicht sicher fühlte.

Germanicus musste den Aufstand blutig unterdrücken. Acht Legionen waren daran beteiligt gewesen. Eine ernste Krise, mit der Tiberius schon zu Beginn seiner Herrschaft konfrontiert war. Nachdem Germanicus die Lage unter Kontrolle hatte, lobte Tiberius dessen Erfolge vor dem Senat. Tacitus äußerte sich dazu, dass die Worte des Princeps viel zu schön waren, als dass man ihnen glauben konnte. Was er indessen geschrieben hätte, wenn Tiberius sich gar nicht dazu geäußert hätte, kann man sich denken!

Im selben Jahr, 14 n. Chr., startete Germanicus einen Rachefeldzug ins freie Germanien. Er war motiviert, Arminius zu bestrafen und die Germanen zu schlagen. Diesen Feldzug müssen Tiberius und der Senat genehmigt haben.

Doch die Aktionen des Germanicus waren nicht von Erfolg gekrönt und eher verlustreich. Eine große Inszenierung war die Bestattung der in der Varusschlacht Gefallenen. Germanicus suchte den Kriegsschauplatz auf und den Römern bot sich ein Bild des Grauens. Es wurden nicht nur Römer, sondern auch Germanen bestattet. In Rom fand diese Geste der Pietät großen Anklang. Tiberius soll sie, laut Tacitus, nicht gebilligt haben.

Tiberius hatte selbst Erfahrungen in Germanien gesammelt und wollte dort keine Offensive mehr. Im Jahr 17 n. Chr. berief er Germanicus ab. In einem Schreiben rechtfertigte er seine Entscheidung, bot Germanicus einen Triumph und die Aussicht auf ein weiteres Konsulat an.

Germanicus feierte einen glänzenden Triumph. Das Volk feierte den strahlenden Helden und seine Familie. Der junge Feldherr, den man schon als Stellvertreter des Kaisers ansehen konnte, blieb nur einige Monate in Rom und brach dann in den Orient auf. Er hatte den Auftrag, Kappadokien in eine Provinz umzuwandeln. Auch in Bezug auf Armenien sollte Germanicus die Stärke Roms repräsentieren. Während seiner Reise in den Osten 17 n. Chr. nahm Germanicus an den Olympischen Spielen teil und siegte im Tethrippon, im Pferderennen mit Quadrigen. Auch Tiberius hatte einst in dieser Disziplin gesiegt.

Leider kam es in Syrien zur Verstimmung zwischen dem Statthalter Piso und seiner Gattin einerseits und Germanicus und Agrippina andererseits. Piso reiste nach Kos ab, und als Germanicus erkrankte, gab Agrippina ihm die Schuld, ihren Gatten vergiftet zu haben. Indirekt beschuldigte sie auch den Kaiser, dessen Freund Piso war, und Livia, die mit dessen Gattin befreundet war. Piso fiel in Ungnade und tötete sich selbst.

Obwohl Germanicus mit großem Aufwand betrauert wurde, fehlte der Öffentlichkeit die Anteilnahme durch Tiberius. Der Kaiser war kein Schauspieler wie Augustus, er verstand es nicht, die Menschen durch Empathie und große Auftritte für sich einzunehmen. Öffentliche Inszenierungen lagen ihm nicht. Aber gerade in diesem Fall wäre etwas Menschlichkeit durch den Princeps und seine Mutter besser gewesen.

Die Quellen stellen den Gegensatz zwischen Tiberius und Germanicus heraus und schließen daraus Neid und Feindseligkeit auf Seiten des Kaisers. Doch diese Vorwürfe beruhen nur auf Klatsch und Gerüchten der damaligen Zeit. Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Tiberius förderte Germanicus ganz im Sinne des Augustus und baute ihn als seinen Nachfolger auf. Sein leiblicher Sohn Drusus war jünger und Germanicus untergeordnet. Der Kaiser war nicht für Gefühlsäußerungen und persönliche Herzlichkeit bekannt. Er erlebte, dass Germanicus all das hatte, was ihm fehlte, um als Herrscher verehrt und geliebt zu werden. Aber ihm deswegen Missgunst oder gar Mord vorzuwerfen, entbehrt jeder Grundlage. Der Tod des Germanicus warf dennoch einen Schatten auf seine Herrschaft.

Literatur:

Holger Sonnabend: Tiberius, Kaiser ohne Volk, Zabern-Verlag, 2021

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