Sonntag, 4. Mai 2025

Augustus und Tiberius auf Capri - römische Dekadenz oder nicht?

Zwölf Villen auf Capri, so der Kaiserbiograf Sueton, erbte Tiberius, der zweite römische Kaiser, von Augustus, seinem Stief- und Adoptivvater, dem ersten römischen Kaiser. Das klingt nach Dekadenz ohne jegliches Maß. Und darüber hinaus besaßen beide Kaiser auch mehrere Villen auf dem Festland, an der Küste Kampaniens. Beide waren sehr vermögend, und Vermögen in der damaligen Zeit war überwiegend in Grundbesitz „angelegt“. Dennoch waren beide Persönlichkeiten für ihre eher sparsame Lebensweise bekannt, gemessen an den Verhältnissen der römischen Oberschicht. Das klingt widersprüchlich, und das ist es auch – wie vieles im menschlichen Leben. Die Insel Capri war vor 2.000 Jahren noch nicht das, was sie heute ist. Dort lebten einfache Leute, überwiegend Fischer, wahrscheinlich wurde nebenbei auch etwas Landwirtschaft und Viehzucht betrieben. Augustus fand Gefallen an der kleinen Insel und wollte sie besitzen. Er tauschte sie bei der Stadt Neapel gegen Ischia ein. Capri war eine griechische Kolonie gewesen, und die griechische Lebensweise herrschte dort immer noch vor, ebenso die griechische Sprache. Das gefiel Augustus, der wie die meisten Persönlichkeiten der römischen Aristokratie die ältere Hochkultur schätzte. Augustus verliebte sich in die Insel und in etwas, das man mit „dolce far niente – süßes Nichtstun" - übersetzen kann. Noch wenige Tage vor seinem Tod verbrachte er einen Kurzurlaub auf der Insel in Begleitung von Tiberius. Ich werde mich damit im nächsten Text beschäftigen.

Tiberius zog sich erst in den letzten zehn Jahren seines Lebens nach Capri zurück. Ob er als Kaiser die Insel davor besuchte (nach dem Tod des Augustus), ist nicht bekannt. Er wollte fort von Rom, er suchte die Ruhe und Abgeschiedenheit, die er brauchte, um zu arbeiten. Er behielt weiterhin die Kontrolle, in einem relativ hohen Alter. Der oftmals missverstandene Monarch wollte keineswegs ungestört Orgien feiern, wie ihm oft unterstellt wurde. Er war pflichtbewusst und dem römischen Staat ergeben. Als Feldherr und Politiker unter Augustus leistete er viel, unter persönlichen Opfern. Augustus zwang ihn, sich von der Frau scheiden zu lassen, die er liebte. Viele Jahre seines Lebens verbrachte er an den Brennpunkten des römischen Reiches. Die Soldaten achteten und liebten ihn, weil er wusste, was er tat. Die militärischen Unternehmungen, bei denen er den Oberbefehl hatte, waren durchweg erfolgreich. Wie viele erfolgreiche römische Feldherren verzichtete er dabei auf persönlichen Komfort. Es ist überliefert, dass er mitunter auf einer einfachen Decke auf dem Boden schlief, ohne Zelt. Seine Ärzte behandelten alle, die Hilfe benötigten, und er stellte seinen Wagen sowie Dinge seines persönlichen Bedarfs zur Verfügung, um zu helfen. Man kann darüber spekulieren, ob es zur Vernichtung des römischen Heeres in Germanien im Jahre 9 gekommen wäre, hätte Tiberius den Oberbefehl gehabt.

Als er sich auf einem Höhepunkt seiner Laufbahn nach Rhodos zurückzog, kann man die Ursache irgendwo zwischen Protest (gegen Augustus) und Burnout verorten. Das waren wohl die friedlichsten Jahre seines Lebens. In seinen letzten Jahren bat Augustus ihn, sich zu schonen. Ganz offensichtlich fürchtete er, seine Stütze und den einzigen ihm verbliebenen Nachfolger zu verlieren.

Römische Politiker und Befehlshaber bezahlten den Einsatz für den Staat oftmals mit ihrem Leben. Germanicus, der Vater des berüchtigten Caligula, von Tiberius adoptiert, wäre Kaiser geworden, aber er erkrankte, als er sich in diplomatischer Mission in Syrien befand, und starb. Drusus, der Bruder des Tiberius, starb an den Folgen eines Sturzes vom Pferd in Germanien. Ähnlich erging es Gaius Caesar, dem Enkel des Augustus, der auch für die Nachfolge vorgesehen war. Tiberius war, wie überliefert ist, sehr gesund, und wie Augustus erreichte er ein überdurchschnittlich hohes Alter. Das verdankte er ganz sicher nicht den angeblichen Orgien, die er gefeiert haben soll. Er verstand schon auch zu leben, aber seine Lieblingsspeisen waren tatsächlich bescheiden: er aß täglich Gurken, mochte auch Wildspargel und Kürbis sowie Weintrauben und Rosinen. Augustus aß häufig nur Brot und Früchte.

Ob die Kaiser wirklich zwölf Villen auf Capri besaßen, ist nicht nachgewiesen. Sueton, der das schrieb, war nie auf der Insel. Berücksichtigen sollte man aber auch, dass Persönlichkeiten wie sie immer ein Gefolge um sich hatten, deren Mitglieder irgendwo wohnen mussten. Es gab unter Tiberius auch sogenannte Staatsbesuche, obgleich nicht jeder zu ihm nach Capri kommen durfte. Auch die höheren Offiziere der Garde benötigten angemessene Unterkünfte. Darüber hinaus wird auch die Jahreszeit darüber entschieden haben, welche Villa gerade bewohnt wurde: die etwas ausgesetzte Villa Jovis oben auf dem Berg war eher kein Winterquartier. Eines muss man Augustus und Tiberius lassen: die Lage der nachweislichen drei Villen ist außergewöhnlich schön und geradezu romantisch, was doch Rückschlüsse auf Anteile ihrer inoffiziellen Persönlichkeiten zulässt. Gern empfehle ich die Biografie von Holger Sonnabend: „Tiberius, Kaiser ohne Volk“, erschienen im Zabern-Verlag.

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