Freitag, 9. Mai 2025

Die letzte Reise des Augustus

Der Biograf Sueton, der Anfang des zweiten Jahrhunderts lebte, erzählt in der Biografie des Princeps Augustus, dass dieser kurz vor seinem Tod mit dem Schiff an der Küste Kampaniens entlang reiste und auch seiner Lieblingsinsel Capri einen Besuch abstattete. Er blieb vier Tage dort. Zwölf Villen hatte Augustus Tiberius hinterlassen, heißt es in der Biografie. Man kann nun spekulieren, wo Augustus während dieses Kurzaufenthaltes wohnte. Ich tendiere ja zu: nahe am Hauptort, vielleicht in der Meervilla in der Nähe der heutigen Marina Grande, von der noch spärliche Reste erhalten sind. Oder bei Tragara, wo eine römische Villa vermutet wird. Diese Lage bot sich an, zumal es in der kleinen Bucht hinter den Faraglioni eine Anlegestelle gab.

Capri war zur Römerzeit noch eine griechische Insel. Es soll ein Gymnasion gegeben haben, wo die Epheben, die jungen Männer, Sport trieben und den Gebrauch von Waffen erlernten. Augustus sah dabei zu. Dieses Geschehen würde ich im Hauptort ansiedeln, obwohl nicht bekannt ist, wo sich das Gymnasion befand. Ein Hippodrom, eine Rennbahn, soll sich ebenfalls auf der Insel befunden haben. Auch dieses Bauwerk würde ich in Capri und nicht in Anacapri vermuten, aber: auch in Anacapri befand sich eine römische Villa, und es gab noch keine Straße dort hinauf, nur Treppenstufen. Allerdings befand sich eine römische Villa oberhalb der Blauen Grotte, die in der Antike als Nymphaeum diente, und von dieser Villa führte eine in Stein gehauene Treppe hinunter – das könnte auch eine Möglichkeit gewesen sein, Anacapri mit einem Schiff zu erreichen. Hypothesen über Hypothesen und eines steht fest: die Kaiser haben einigen Aufwand für ihre Residenz betrieben.

Der Princeps verteilte Geschenke: römische Togen und griechische Gewänder, und er wollte, dass die Römer die griechischen Mäntel trugen und die Griechen die römischen und neben den Gewändern auch die Sprachen tauschten. Augustus gab auch ein öffentliches Essen, bei dem er anwesend war und seine Freude daran hatte, wenn es etwas albern zuging.

Nun aber gibt Sueton der Nachwelt ein Rätsel auf: in der Nähe von Capri befand sich eine weitere Insel, die der Princeps Apragopolis, Insel des Müßigganges, nannte. Dort war im Vorjahr einer seiner Lieblinge mit Namen Masgabas gestorben und gerade, als die Herren – Augustus, Tiberius und Thrasyllos (Freund des Tiberius) bei Tisch lagen, konnten sie sehen, wie eine Menschenmenge mit Fackeln zu diesem Grab zog. Augustus dichtete aus dem Stegreif Verse darüber und fragte Thrasyllos, wer wohl der Dichter sei. Dieser antwortete, sie seien vortrefflich, aber er konnte den Verfasser nicht benennen. Das amüsierte Augustus sehr. Ob Thrasyllos wirklich nicht wusste, dass es eigene Verse des Kaisers waren? Was die mysteriöse Insel angeht, denke ich nicht, dass jener Masgabas auf einem der Faraglioni-Felsen bestattet worden war, denn das wäre absurd und außerdem könnte keine Menschenmenge dorthin gelangen – es sei denn, die Felsen waren damals deutlich größer. Eine andere Hypothese besagt, dass womöglich damals eine Insel existierte, die später im Meer versank, was aber auch sehr sagenhaft anmutet. Wenn der Vorfall sich überhaupt so zugetragen hat, wie Sueton berichtet, war, denke ich, die Insel Apragopolis mit Capri identisch und das Grab befand sich irgendwo auf einem Vorsprung, wo man den Fackelzug beobachten konnte. Ischia und Procida kamen nicht infrage, da zu weit weg. Sueton war nie auf der Insel gewesen und kannte die Gegebenheiten vor Ort nicht. Augustus hatte jedenfalls heitere, sorglose Tage dort, obwohl er bereits krank war.

Nach den vier Tagen auf Capri setzte der Princeps nach Neapel über. Auch dort besuchte er sportliche Wettkämpfe. Sein ursprünglicher Plan war gewesen, Tiberius nach Beneventum zu begleiten, von wo aus dieser nach Illyrien reisen würde. Doch das gelang dem Kaiser nicht mehr; sie trennten sich an einem nicht benannten Ort. Die Rückreise musste er bald abbrechen. Die Stadt Nola war dann seine letzte Station und er berief Tiberius zurück, der schon in Illyrien war. Tiberius überquerte erneut die Adria und traf Augustus noch lebend an. Beide sollen noch eine lange Besprechung gehabt haben, ehe Augustus dann die Staatsgeschäfte niederlegte und sein Ende erwartete.

Literatur:

Sueton: Langenscheidtsche Bibliothek, Band 106, Langenscheidt Verlagsbuchhandlung, Berlin

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