Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Montag, 12. Mai 2025
Warum war Tiberius so verhasst?
„Lasst sie mich hassen, wenn sie mir nur Recht geben müssen“, soll Tiberius mehrmals gesagt haben. Er war sich dessen bewusst, dass er beim Senat und beim Volk nicht beliebt war.
Kann man sich eigentlich daran gewöhnen, abgelehnt zu werden? Nicht, ohne dass es Spuren in der Seele hinterlässt. Ohne psychologisieren zu wollen, muss ich in Erinnerung rufen, dass Tiberius in seinem Leben meist kein Glück hatte, dass andere ihm vorgezogen wurden und er, bei all seinen Leistungen und seiner Opferbereitschaft, erst relativ spät von Augustus zum Nachfolger aufgebaut wurde, da – und auch das muss ihm klar gewesen sein – alle anderen Kandidaten, die der Princeps ihm vorgezogen hatte, nach und nach verstorben waren.
Aber wollte Tiberius überhaupt Princeps werden? Ich denke, sein Ehrgeiz wollte die Verantwortung oder einen Teil davon. Das Ausmaß der Pflichten, die Bürde, die auf ihn zukam, wurde ihm eventuell erst in den letzten Lebensjahren des Augustus bewusst, als er die Macht schon mittrug. Augustus war über Jahre hinweg in eine Ausnahmestellung mit besonderen Befugnissen gelangt. Durch die Adoption war Tiberius strenggenommen gar nicht berechtigt, das Imperium zu regieren. Er war bereit, Macht an den Senat abzugeben, doch der Senat machte Tiberius klar, dass der Prinzipat nicht teilbar war. Und Tiberius wurde der Wunsch, die Verantwortung zu teilen, als Heuchelei ausgelegt – wie konnte er ernsthaft daran gedacht haben? Ich denke schon, dass er es wirklich wollte. Indem Tiberius Augustus nicht nur privat, sondern auch politisch beerbte, war eine Erbmonarchie entstanden. Auch dafür hassten ihn die Senatoren, ohne dass sie bereit waren, sich auf sein Angebot einzulassen.
Tiberius schalt die Senatoren „Sklavenseelen“. Das muss jemand gehört haben und diese Äußerung rief Verbitterung hervor. Hätte er sich die Bemerkung nicht verkneifen können? Offensichtlich nicht. Augustus war ein Meister der Selbstdarstellung und der Inszenierungen. Am Ende seines Lebens verabschiedete er sich als Schauspieler, der von der Bühne abtrat. Tiberius war nicht wie er: ihm fehlten die sozialen Fähigkeiten, die politische Rolle, die er zu spielen hatte, so auszufüllen, dass die Leute mit ihm zufrieden waren. Er war nicht anpassungsfähig genug, er war nachtragend, wofür es mehrere Beispiele gibt, und er hatte deutliche kommunikative Schwächen.
Ihm wurde vorgeworfen, nicht ehrlich zu sein, nicht deutlich zu machen, was er wirklich wollte, und einige seiner Ratgeber, die sich in seinem Willen täuschten, weil er ihn nicht äußerte, wurden von ihm bestraft. Das bezieht sich allerdings auf die Jahre, in denen Seian den Kaiser in Rom vertrat und Tiberius sich nach Capri zurückgezogen hatte.
Einmal sagte er im Senat sinngemäß, wenn jemand eine andere Meinung geäußert hat, werde er (Tiberius) sich bemühen, sein Tun und Reden vor ihm zu rechtfertigen. Sollte der andere aber auf seiner gehässigen Meinung beharren, werde er (Tib.) zur Abwechslung ihn hassen. Das sagte er in der Öffentlichkeit, eigentlich schwer zu fassen. Aber als er das sagte, hatte sich sein Verhältnis zum Senat schon verschlechtert, was nicht nur an ihm lag. Damit werde ich mich im nächsten Text beschäftigen.
Tiberius war ein sparsamer Herrscher. Weder verzierte er Rom mit weiteren Bauten, noch gab er großzügig Spiele. Beides aber wurde von ihm erwartet. Das Volk wollte Glanz und Pracht und wollte unterhalten werden, und mehr noch, es wollte den Kaiser bei Veranstaltungen sehen und mit ihm interagieren. Der römische Kaiser war Patron des römischen Volkes und musste auch öffentlich zugänglich sein. Tiberius liebte das Bad in der Menge nicht, und das wurde ihm übelgenommen. Mit seinem Rückzug nach Capri beging er den schwerwiegenden Fehler, Senat und Volk zu verlassen. Und in dieser Zeit fielen dann auch viele Todesurteile, an denen Seian einen Anteil gehabt haben mag, aber die Verantwortung lag bei Tiberius.
Augustus hatte in seinem Testament Richtlinien hinterlassen, und unter anderem riet er, die Grenzen des Imperiums nicht mehr zu erweitern. Diesen Rat hat Tiberius befolgt. Dass er ein hervorragender Feldherr war, hatte er ausreichend bewiesen. Als Kaiser sandte er, wenn nötig, Germanicus, seinen Adoptivsohn, und Drusus, seinen leiblichen Sohn, an die Grenzen, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Doch viele Soldaten und Offiziere wollten Gelegenheiten, sich zu beweisen, sie wollten durch Beförderungen ausgezeichnet werden und Beute machen. Der Kaiser folgte rationalen Erwägungen, als er dem Reich Kriege ersparte, die letztlich Geld kosteten. Doch auch damit machte er sich unbeliebt.
Eine persönliche Schwäche des Tiberius war, dass er öffentlich kaum Emotionen zeigte, weswegen er als gefühllos wahrgenommen wurde. Nach dem Tod seines Sohnes Drusus ging er schnell wieder seinen Pflichten nach, und hätte er empathische Zuhörer gehabt, wäre manchem klar gewesen, dass es seine Art war, mit dem Verlust umzugehen. Stattdessen hieß es, er liebte seine Söhne nicht warmherzig. Tiberius wollte nicht öffentlich trauern. Er konnte es wahrscheinlich auch nicht. Aber das, was er tat und was er nicht tat, wurde missverstanden und zu seinen Ungunsten ausgelegt – wieder einmal. Er wirkte oft schwerfällig, war unzugänglich, manchmal umdüstert, und manche seiner Äußerungen waren ungeschickt, obwohl er sehr gebildet war. Einige Forscher äußern den Verdacht, dass bei ihm eine Form von Autismus vorgelegen haben könnte, aber nach zweitausend Jahren weiß man nichts Genaues.
Die Insel Capri war der Ort, wo er sich sicher fühlte und wo er die nötige Ruhe hatte, seinen Pflichten nachzugehen, was ihm immer wichtig war. Einige Jahrzehnte später hatte sich der Prinzipat verändert und es wurde beinahe zur Gewohnheit, dass das Imperium nicht nur von Rom aus regiert werden konnte: Trajan blieb zu Beginn seiner Regierungszeit noch eine Weile in Germanien und verließ Rom, um Kriege persönlich zu leiten. Hadrian unternahm ausgedehnte Reisen durch sein Imperium, und Marcus Aurelius war viele Jahre im Feldlager, fern von Rom. Alle drei Kaiser wurden respektiert, aber in der frühen Kaiserzeit war man noch nicht soweit.
Tiberius hinterließ eine gut gefüllte Staatskasse; er hat sein Amt bis zuletzt ausgeübt. Er wurde nicht vergöttlicht. Gegen Überhöhung und Personenkult hat er sich immer gewehrt und betont, dass er sterblich sei. Er verfiel auch nicht der damnatio memoriae, der Tilgung seines Andenkens, wie Caligula und später Nero. Die Ambivalenz bei seiner Beurteilung gründet sich darauf, dass er (oft ungerechterweise) gehasst und missverstanden wurde, was aber auch auf seinen persönlichen Schwächen beruht. Dieser Schwächen war sich schon Augustus bewusst, weshalb er andere Kandidaten als Nachfolger bevorzugte. Als er Tiberius dann adoptierte, entschuldigte er sich beim Senat für einige skurrile Eigenheiten seines Erben und meinte, es seien schlechte Angewohnheiten, aber keine Charakterfehler. Würde er selbst zurückblickend sagen, Tiberius sei dem Amt nicht gewachsen gewesen? Offiziell wohl kaum.
Literatur:
Holger Sonnabend: Tiberius – Kaiser ohne Volk, Verlag Zabern, 2021, ISBN 978-3-8053-5258-1
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