Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Samstag, 17. Mai 2025
Keine Freundschaft: Tiberius und der Senat
Am 17. September des Jahres 14, einem Monat nach dem Tod des Augustus, fand eine Senatssitzung in Rom statt. Auf der Tagesordnung stand, den Erben als Princeps zu bestätigen. Tiberius wurde damit der Weg geebnet, politischer Nachfolger des Augustus zu werden.
Doch er verhielt sich nicht so, wie es von ihm erwartet wurde. Angemessen wäre es gewesen, auf die Herausforderungen hinzuweisen, die nun vor ihnen, dem Senat und ihm selber, lagen, und dass man die Dinge gemeinsam anpacken würde. Er selbst würde sein Bestes für den Staat tun. Aber stattdessen sprach Tiberius zögerlich. Nur Augustus war der großen Aufgabe gewachsen gewesen. Er selbst war bisher nur teilweise mit dessen Aufgaben betraut worden und hätte gelernt, wie schwierig die ganze Verantwortung zu tragen sei. Und da es im Staat so viele hervorragende Männer gebe, wäre es sinnvoll, nicht einem Einzigen alles aufzubürden, sondern mehrere könnten die Aufgaben des Staates besser und mit vereinten Kräften ausführen.
Die kaiserfeindliche Überlieferung legte ihm diese Worte als Heuchelei aus: im Grunde war seine Bescheidenheit nur vorgetäuscht, um damit Sympathien zu erwerben. Aber war das wirklich so? Tiberius dachte angesichts der Größe der Aufgaben vielleicht wirklich daran, Verantwortung abzugeben, und er bemühte sich immer wieder, den Senat einzubeziehen. Leider kam sein guter Wille nicht gut an. Die Sitzung geriet zu einem unwürdigen Schauspiel: der Senat bat den Kaiser, teils auf Knien, was Tiberius zutiefst widerstrebt haben muss, und er betonte mehrmals, sie wüssten doch alle nicht, was für ein Ungeheuer die Herrschaft war. Schließlich verloren die Senatoren die Geduld und einer rief aus: „Soll er doch endlich als Princeps handeln, oder vom Amt zurücktreten!“ Tiberius fügte sich, aber nicht ohne zu betonen, dass es gegen seinen Willen sei, zu herrschen. Mehrfach soll er gesagt haben, er halte einen Wolf bei den Ohren.
Es ist gut möglich, dass noch Augustus Tiberius riet, den Senat nicht einfach vor vollendete Tatsachen zu stellen, sondern sich bitten zu lassen, die Macht zu übernehmen. Falls Tiberius versuchte, zu schauspielern, dann zeigte sich, dass er darin nicht gut war. Er war nicht derjenige, der öffentliche Gesten der Höflichkeit und Leutseligkeit perfekt ausfüllen konnte, so dass er glaubhaft wirkte. Augustus und später Trajan konnten dies, so dass sie als vorbildliche und senatsfreundliche Herrscher wahrgenommen wurden. Als Trajan, dessen Position schon weitaus stärker, fast absolut war, im Senat sprach, „Ich bin nur einer von euch“, wurde er mit Lobpreisungen überhäuft.
Die antiken Quellen unterteilen die Regierung des Tiberius in zwei Phasen. Die erste, die bis zum Tod seines Sohnes Drusus dauerte, wird überwiegend positiv bewertet. Danach, als der Prätorianerpräfekt Seian mächtiger wurde, kam dann, so hieß es, das wahre, menschenfeindliche Wesen des Kaisers zum Vorschein.
Überliefert ist eine Senatssitzung, in der einer der Senatoren, Haterius, seine Meinung äußerte. Tiberius stand auf, war anderer Meinung und entschuldigte sich bei Haterius dafür, dass er ihm so offen, eben wie ein Senator, widersprochen habe. Und an alle gewandt, bekannte er sich dazu, dem Senat und den Bürgern, allen und auch einzelnen von ihnen, dienen zu wollen, und er war sich dessen bewusst, von guten, gerechten und wohlwollenden Herren umgeben zu sein. Tiberius verhielt sich überwiegend tatsächlich als „einer von ihnen“, zumindest am Anfang seiner Herrschaft. Aber der Senat vertraute ihm nicht.
Die Lage war kompliziert. Schon Cäsar hatte den Senat weitgehend entmachtet. Augustus hatte die Macht zwar pro forma zurückgegeben, war aber vom Senat nach und nach wieder ins Amt gehoben worden, weil es ohne zentrale Leitung nicht mehr ging. Tiberius bot nun mehr Mitbestimmung an. So durfte der Senat über die Besetzung der Ämter entscheiden, und Probleme aus den Provinzen wurden beraten. Doch die Verunsicherung bliebt. Die Senatoren fragten den Kaiser zuvor nach seinen Entscheidungen und seinen Kandidaten, denn sie wollten nichts gegen seinen Willen beschließen. Kommissionen, die eingesetzt wurden, um Probleme zu lösen, berieten und formulierten Phrasen, ohne zu Ergebnissen zu kommen. Tiberius konnte durch sein Veto-Recht jeden Senatsbeschluss annullieren. Die beiderseitige Kommunikation blieb schwierig. Tiberius blieb der Staatschef, seine republikanischen Versuche waren nicht wirklich umsetzbar. Die Senatoren sahen ihn als schwachen Regenten an, der sich verstellte und seinen wahren Willen heuchlerisch verbarg, und es blieb nicht dabei, sondern es kam zu Situationen, in denen sie den Princeps geradezu auflaufen ließen und ihn auf raffinierte Weise lächerlich machten.
Es gab Abstimmungen, bei denen jeder auf eine bestimmte Seite treten sollte, und so geschah, es, dass Tiberius buchstäblich allein dastand, weil niemand ihm folgte. Eine unangenehme, als Schmeichelei getarnte Aktion dem Kaiser gegenüber muss ihn verärgert haben. Testamentarisch war seine Mutter Livia in die Familie der Julier aufgenommen worden, ihr offizieller Name war nun Julia Augusta. Über diese Ehrung war Tiberius sicher nicht ganz glücklich. Nun wollte ihm der Senat den Titel „Sohn der Julia“ verleihen, wohl wissend, dass ein solcher Titel über die weibliche Linie nicht üblich war und auch nicht als ehrenhaft empfunden wurde. Man konnte ihn auch als Anspielung verstehen, dass er seiner Mutter die Herrschaft verdankte. Tiberius ließ sich in der Öffentlichkeit nicht provozieren, sondern lehnte den Titel ab und meinte, Ehrungen für Frauen seien einzuschränken und er selbst würde sich mäßigen. Doch es muss sich für ihn wie eine Provokation angefühlt haben.
Im Jahr 21 war er offensichtlich amtsmüde, zog sich in einen Urlaub nach Kampanien zurück und setzte seinen Sohn Drusus in Rom als Stellvertreter ein. Es ist gut möglich, dass er damals schon an einen Rückzug nach Capri dachte und anfing, das Vorhaben vorzubereiten. Drusus vertrat ihn gut, so dass Tiberius ein Jahr lang der Hauptstadt fernblieb. Der Kaiser äußerte, niemand solle ihn in Kampanien belästigen, was seinen anfänglichen Regierungsgrundsätzen zuwiderlief. Doch der Senat ließ ihn nicht in Ruhe, es kam zu einem Briefwechsel auch in Detailfragen. Tiberius war also keineswegs aus der Verantwortung. Schon damals begann er, sein Reich aus der Ferne zu regieren.
Literatur:
Holger Sonnabend: Tiberius – Kaiser ohne Volk, Verlag Zabern, 2021, ISBN 978-3-8053-5258-1
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