Freitag, 30. Mai 2025

Der Krieg, der nicht zustande kam

Im Zeitraum 8-7 v. Chr. führte Tiberius die Feldzüge seines verstorbenen Bruders Drusus in Germanien zu Ende. Im Jahr 6 n.Chr. entschloss sich Rom zu einem neuen Feldzug. Was war dazwischen? An dieser Stelle müssen wir uns daran erinnern, dass Tiberius von 6 v. Chr. bis 2 n.Chr. weit entfernt von Rom in freiwilligem Exil auf Rhodos weilte. Innerhalb dieses Zeitraumes führte L. Domitius Ahenobarbus einen Feldzug gegen die Germanen. Als Tiberius zurückkehrte, musste er sich zunächst von sämtlicher Politik fernhalten; er wurde in Rom geduldet und musste sich das Vertrauen des Kaisers erst wieder verdienen. Doch kein anderer Befehlshaber hatte so viel Erfahrung mit den Germanen und der Situation im Grenzland wie er. Marbod, lateinisch Maroboduus, war ein bedeutender Fürst der Markomannen, eines suebischen Stammes, der am Main lebte. Er hatte als junger Mann in Rom gelebt, hatte dort vermutlich das römische Bürgerrecht verliehen bekommen und war militärisch ausgebildet worden. Es war eine gängige Verfahrensweise bei der Romanisierung fremder Völker, zunächst die lokalen Eliten zu gewinnen, ihnen Karrieren in den Diensten des Imperiums zu ebnen und sich damit ihre Unterstützung zu sichern. Das hat nicht immer funktioniert, so wie es gedacht war.

Marbod erhielt die Erlaubnis, zu seinem Stamm zurückzukehren. Im Jahr 8 v.Chr. nahm Tiberius die Unterwerfung der Markomannen entgegen. Marbod übernahm, wahrscheinlich ohne Absprache mit Rom, die Führung über den Stamm. Die Markomannen wanderten nach Böhmen und Mähren aus. Vielleicht war es den Römern erst einmal recht so. Andere suebische Stämme wurden zwangsumgesiedelt. Die Markomannen gewannen durch die freiwillige Umsiedlung eine Perspektive und eine neue Identität in der neuen Heimat.

Marbod verbündete sich mit anderen Germanen und Kelten, die in den neuen Gebieten noch siedelten, und festigte so seine Position. Andere Völker bekämpfte er. Er nahm den Königstitel an und verfügte bald über ein Heer von 70.000 Fußsoldaten und 4.000 Reitern. Und er ließ sich einen Königssitz Maroboduum bauen, vermutlich in Form eines Kastells. Wo dieses Zentrum seines Einflussbereiches genau lag, wissen wir nicht. Die Römer beobachteten dieses neue germanische Machtzentrum mit Besorgnis. Sie hielten es für möglich, dass er erstarken und in bereits befriedete Gebiete einfallen könnte – eine Annahme, die durchaus schlüssig ist. Marbod war kein gewöhnlicher Barbar, sondern er baute auf das auf, was er in Rom gelernt hatte. Das machte ihn zu einem ernsthaften Gegner.

Augustus hatte im Jahr 4 n.Chr. seinen Stiefsohn Tiberius adoptiert. Dieser war nun offizieller Nachfolgekandidat, nachdem beide Enkel des Augustus verstorben waren. Noch im gleichen Jahr war er wieder in Germanien und führte fort, was Drusus und er begonnen hatten. Er stieß tief ins Land vor, erreichte auch die Elbe, wo er sich mit der Flotte vereinigte, und ließ weitere Lager errichten.

Im Jahr 6 n.Chr. sandte der Kaiser seinen Germanen-Experten gegen die Markomannen. Zwölf Legionen rückten gegen Marbod vor: Tiberius sollte von Carnuntum aus, Sentius Saturninus von Mainz aus vorrücken, um die Markomannen quasi zu umfassen. Das Winterlager des Tiberius befand sich vielleicht bei Devin in der heutigen Slowakei.

Doch als ihn die Nachrichten von Aufständen in Pannonien und im Illyricum erreichten, musste Tiberius mit Marbod Frieden schließen, seinen Königstitel anerkennen und ihm vermutlich auch einige Privilegien gewähren. Dann konnte er mit seinen Truppen in die Gebiete südlich der Donau ziehen und dort die Aufstände bekämpfen, was ein schweres und verlustreiches Unterfangen war. Im Jahre 9 hatte Tiberius die Lage unter Kontrolle gebracht und konnte zurück nach Italien reisen, und auf eben dieser Reise erreichten ihn die Unglücksbotschaften aus Germanien.

Literatur:

Günther Moosbauer: Die Varusschlacht, Beck-Verlag München, 2009, ISBN 978 3 406 56257 0

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen