Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Samstag, 26. Juli 2025
Der pannonisch-dalmatische Aufstand 4-9 n. Chr.
Ich habe mich viele Jahre lang nicht mit der frühen Kaiserzeit beschäftigt. Die ausgehende römische Republik war eine unruhige und für viele Menschen auch gefährliche Zeit. Ich hatte viel Respekt für Marcus Aurelius entwickelt, weil er mit diversen innen- und außenpolitischen Krisen beschäftigt war, und hinzu kamen die persönlichen Schicksalsschläge, weil fast alle seiner zahlreichen Kinder starben. Doch auch Augustus und Tiberius waren mit zahlreichen Krisen und Schicksalsschlägen konfrontiert.
Die bekannteste Krise war die Varusschlacht im Jahr 9. Dass es beinahe parallel auf dem Balkan einen weiteren Krisenherd gab, war mir lange Zeit nicht bewusst. Der Kaiserbiograf Sueton bezeichnete die Kämpfe in Pannonien als die schwersten seit den Punischen Kriegen. Tiberius, zu dieser Zeit bereits zum Nachfolger des Augustus bestimmt, hatte den Oberbefehl. Sein Adoptivsohn Germanicus unterstützte ihn.
Im Jahr 4 n. Chr. griffen römische Legionen den Markomannenkönig Marbod an. Aber noch ehe sich die beiden römischen Heeressäulen vereinigen konnten, trafen die Nachrichten vom Aufstand in Pannonien ein. Sofort wurde mit Marbod Frieden geschlossen und Tiberius zog mit seinen sechs Legionen in die Aufstandsgebiete, während die Truppen des Sentius Saturninus wieder nach Germanien zurückkehrten. Die Aufstände hatten sich schnell zu einem Flächenbrand ausgeweitet. Sie umfassten ein Gebiet von der Ostküste der Adria bis an die Donau. Als Ursache wird vermutet, dass die Herrschaft der Römer und die Steuerlast als drückend empfunden wurden.
Zwei Rebellenführer namens Bato, die verschiedenen Stämmen angehörten, sorgten dafür, dass alle im Land befindlichen Römer, auch Kaufleute, getötet wurden. Einheimische, die noch für den Kampf gegen Marbod als Verbündete rekrutiert worden waren, wandten sich gegen Rom. Nur die römischen Städte leisteten noch Widerstand. Die Rebellen wussten, wie sie die Besatzer wirksam bekämpfen konnten: sie vernichteten alle Lebensmittel in Reichweite der Legionen.
Tiberius verhielt sich vorsichtig, denn er befürchtete, dass Marbod in den Krieg eingreifen könnte. Doch dieser unternahm nichts. Zunächst organisierte Tiberius die Versorgung der Truppen von Italien aus. Die Flotte würde ihn bei der Sicherung der Adria-Städte unterstützen. Auch hielt er die Stärke seiner Truppen für nicht ausreichend, um das Gebiet unter Kontrolle zu bringen. Der Geschichtsschreiber Velleius Paterculus, der an diesem Krieg teilnahm, schätzte das Heer der Aufständischen auf 200.000 Fußsoldaten und 9.000 Reiter. Augustus musste dafür sorgen, dass Tiberius Verstärkung erhielt. Normalerweise meldeten sich genügend Freiwillige für den Militärdienst, doch nun war er zu Zwangsrekrutierungen an Hand der Bürgerlisten gezwungen und nahm sogar Freigelassene in die Legionen auf. Germanicus führte Verstärkung aus Italien heran, auch aus Syrien kamen Truppen und Veteranen ließen sich zu erhöhtem Sold verpflichten, so dass Tiberius schließlich über 15 Legionen (75.000 Mann), 70 Kohorten Hilfstruppensoldaten und 5.000 Reiter verfügte. Seit den Bürgerkriegen war keine so große Streitmacht mehr an einem Kriegsschauplatz zusammengezogen worden. Auch der Reiterführer Arminius und sein Bruder Flavus unterstützten Tiberius in Pannonien.
Die Versorgung der Truppen musste sichergestellt sein, doch die Ernte war nicht wie erhofft ausgefallen und unglücklicherweise gab es auch in Nordafrika, der Kornkammer Roms, einen Aufstand. Die Folge waren eine Hungersnot und eine Finanzkrise. Augustus war zu Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen gezwungen: die Krise weitete sich aus.
Tiberius ging systematisch und brutal vor und brachte Pannonien wieder unter römische Kontrolle. Im August des Jahres 8 n. Chr. kapitulierte der Anführer Bato. Tiberius konnte einen Teil der Truppen demobilisieren und reiste nach Rom. Arminius und Flavus kehrten mit ihren Cheruskern nach Germanien zurück. Für das Folgejahr war vorgesehen, dass Germanicus in Dalmatien „aufräumte“.
Der dalmatische (südliche) Bato tötete den nördlichen Anführer, der sich den Römern ergeben hatte. Germanicus war offenbar mit der Situation überfordert, denn Augustus beauftragte nochmals Tiberius mit dem Kommando. Dieser ließ das ganze Land durchkämmen und verwüsten. Im Spätsommer gab auch der verbliebene Anführer auf und verhandelte mit Tiberius. Seine Bedingung war, dass er straffrei blieb. Tiberius akzeptierte. Auf seine Frage, warum Bato denn überhaupt den Krieg begonnen hatte, soll dieser geantwortet haben, Rom sei schuld daran, denn „Ihr schickt zu euren Herden als Wächter nicht Hirten und Hunde, sondern Wölfe“. Dies mag bei Tiberius einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Als er Kaiser war, antwortete er auf den Vorschlag eines seiner Statthalter, die Steuern zu erhöhen: „Ein Hirte erweist sich als guter Hirte, wenn er das Vieh schert und ihm nicht die Haut über die Ohren zieht.“ (Sueton, Kaiserbiografien, Tib. 32) Auf der Rückreise nach Italien erfuhr Tiberius von der Katastrophe in Germanien. Deswegen wurde er zwar ehrenhaft empfangen, aber es gab, da Trauer in Rom herrschte, keinen Triumphzug. Dazu kam es erst Jahre später.
Literatur:
Ralf-Peter Märtin, „Die Varusschlacht“, S. Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-050612-2
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