Dienstag, 12. August 2025

Germanicus in Germanien (1)

Germanicus, Sohn des Drusus (Bruder von Tiberius) und der Antonia, hatte Tiberius in Illyrien unterstützt und war anschließend mit ihm nach Germanien gegangen, um Rache an der Vernichtung des römischen Heeres unter Varus zu nehmen. Tiberius reiste im Jahr 12 n. Chr. nach Rom, und Germanicus blieb in Germanien. In jenem Jahr wurde sein jüngster Sohn geboren, der spätere Kaiser Caligula. Germanicus war seit 4 n.Chr. Adoptivsohn des Tiberius und hieß Germanicus Julius Caesar. Da Tiberius von Augustus adoptiert worden war und als sein Nachfolger galt, war Germanicus offizieller Nachfolger des Tiberius und somit als künftiger Kaiser vorgesehen. Diese Tatsache kann vielleicht sein mitunter sehr freizügiges Verhalten erklären. Germanicus war der Typ des jungen, strahlenden Helden, der eine gewinnende Art hatte und allgemein beliebt war. Im Jahr 13, als der Germanien-Feldzug unter seinem Kommando begann, war er 28 Jahre alt.

In Novaesum (Neuss) zog er sein Heer zusammen. Kommandant unter ihm war Aulus Caecina, ein erfahrener Mann und ehemaliger Konsul. Aber als Augustus starb, brach eine Revolte im niedergermanischen Heer aus. Der Machtwechsel in Rom war nur der Anlass für die Eskalation, die Probleme hatten sich seit langem gestaut. Auf Grund der beiden großen Kriegsschauplätze und der Probleme der Finanzierung in Krisenzeiten waren viele Soldaten sehr lange im Einsatz. Veteranen waren wieder eingezogen worden, andere Soldaten waren zwangsrekrutiert worden. Beute, die sich lohnen würde, gab es in Germanien eher nicht zu holen, und die Soldaten fühlten sich schlecht bezahlt in ihrem langen Dienst. Tribunen und Centurionen behandelten sie schlecht – wie Sklaven, hieß es.

Der Aufruhr erfasste das gesamte Heer, Offiziere wurden ausgepeitscht und getötet, und sogar Caecina war machtlos. Als Germanicus aus Gallien zu den Truppen kam, befahl er ihnen, hinter ihren Feldzeichen anzutreten, und sie gehorchten. Als er jedoch auf sie einredete, brandete die Empörung los und die Soldaten riefen ihm ihre Forderungen zu, boten ihm sogar an, Kaiser zu werden, sie würden ihn unterstützen.

Daraufhin zog Germanicus sein Schwert und rief, lieber würde er sich selbst töten, als Tiberius zu verraten. Doch die Geste war wirkungslos. Einige Soldaten forderten ihn auf, seine Drohung in die Tat umzusetzen, und einer bot ihm sogar sein eigenes Schwert an. Germanicus musste schnell Zugeständnisse machen: Wer zwanzig Jahre gedient hatte, wurde entlassen und erhielt eine doppelt hohe Abfindung. Die Meuterer hatten die Heereskasse an sich genommen. Gerüchte kamen auf, Germanicus würde alles rückgängig machen, und daraufhin holten sie ihn nachts aus dem Bett und verlangten Garantien, dass er die Versprechen einhalten würde.

Nun aber drängten ihn seine Berater, er solle das Heer aus Obergermanien gegen die Rebellen herbeiführen, um den Aufstand niederzuschlagen. Außerdem empfahlen sie ihm, seine Gattin Agrippina mit dem zweijährigen Gaius (Caligula) zu ihrem eigenen Schutz abreisen zu lassen. Die Vorstellung, dass römische Soldaten gegeneinander kämpften, war Germanicus unerträglich. Agrippina und Gaius fanden beim Stamm der Treverer Zuflucht. Dies beschämte nun die Soldaten: der Zweijährige war ihr besonderer Liebling, und dass die Familie bei den Barbaren Schutz suchen musste, war eine peinliche Situation. Germanicus nutzte den Stimmungsumschwung zu einer emotionalen Rede, erinnerte an die Erfolge in der Vergangenheit, die Schlachten, die sie geschlagen hatten, und rief den vom Himmel herabschauenden Augustus und seinen Vater Drusus als Zeugen an. Nun töteten die Soldaten die Rädelsführer.

Doch zwei Legionen in Novaesium gaben keine Ruhe. Germanicus musste wirklich Truppen gegen sie aufbieten und schlug den Aufstand blutig nieder. Er selbst war davon sehr mitgenommen und sprach von einer verlorenen Schlacht. Das römische Heer hatte an Stärke und Kampfkraft verloren. Und fünf Jahre nach der Varusschlacht war die vernichtende Rache bisher ausgeblieben. Arminius konnte das unfähige Heer und den jungen Feldherrn verspotten. Zeitgleich hatte es auch in Illyrien Aufstände bei den Truppen gegeben, mit deren Niederschlagung Drusus, der leibliche Sohn des Tiberius, beauftragt worden war.

Germanicus war in Zugzwang, die Legionen mussten beschäftigt werden, und er brauchte einen schnellen Erfolg. Im Spätsommer oder Herbst, wenn normalerweise Feldzüge beendet wurden, startete er einen Blitzangriff auf den Stamm der Marser, Verbündete des Arminius. Das Heer von etwa 25.000 Mann, darunter 12.000 Legionären, setzte bei Vetera auf einer Schiffsbrücke über den Rhein.

Die Marser rechneten nicht mit einem römischen Angriff, feierten eine Art Erntedankfest und hatten nicht einmal Wachen aufgestellt. Germanicus marschierte nachts heran und ließ die Legionäre die Marser umzingeln. Und die Rache war gnadenlos: wer greifbar war, wurde umgebracht, alle Gebäude, sogar Heiligtümer, wurden dem Erdboden gleichgemacht, das Gebiet wurde verwüstet. Verbündete der Marser, Brukterer, Tubanten und Usipeter, kamen zum Gegenangriff und wendeten sich gegen die Hilfstruppen der Nachhut. Germanicus warf die erfahrene, siegreiche XX. Legion in den Kampf, und die Germanen wurden im offenen Gelände in einer Schlacht geschlagen. Endlich ein Erfolg, der auch den Kaiser in Rom zufrieden stellte.

Literatur:

Ralf-Peter Märtin, „Die Varusschlacht“, S. Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-050612-2

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