Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Samstag, 23. August 2025
Germanicus in Germanien (2)
Streitigkeiten bei den Cheruskern gaben den Römern Grund zum Optimismus. Segestes, der an der Varusschlacht teilgenommen hatte, sprach sich für eine romfreundliche, friedliche Politik aus, und gewann immer mehr Anhänger. Arminius hingegen blieb romfeindlich eingestellt.
Segestes kämpfte gegen Arminius und konnte seine Tochter Thusnelda rauben, die Arminius nicht verlassen wollte und von ihm schwanger war. Um zu verhindern, dass Chatten und Marser Arminius zu Hilfe eilten, marschierte Germanicus mit vier Legionen und 10.000 Mann Hilfstruppen von Mogontiacum aus ins Gebiet der Chatten. Beim Überfall durch die Römer kamen viele Chatten um oder wurden gefangengenommen. Andere unterwarfen sich und fanden Gnade. Der Hauptort der Chatten wurde verbrannt, ihre Äcker wurden verwüstet.
Caecina war gleichzeitig mit vier Legionen und Hilfstruppen gegen die Marser gezogen. Doch dann siegte Arminius über Segestes und belagerte dessen Burg. Segests Sohn Segimundus eilte zu Germanicus und bat um Hilfe. Dieser demonstrierte sofort römische Politik: Verbündeten musste geholfen werden. Er kam mit seinen Legionen noch rechtzeitig, um Segestes und seine Leute zu befreien. Dabei fiel ihm Thusnelda in die Hände. In Gefangenschaft gebar sie ihren Sohn Thumelicus. Segestes erhielt Siedlungsland auf der linken Seite des Rheins.
Auf Grund der Ereignisse war die Arminius-Koalition geeint und gestärkt, zumal Segestes als Konkurrent ausgeschaltet war. Nun blieb nur ein brutaler Vorstoß nach Innergermanien. Germanicus zog mit acht Legionen und Hilfstruppen gegen die Cherusker. Verschiedene Heeressäulen sollten sich im Land der Brukterer vereinigen. Caecina marschierte mit vier Legionen von Vetera aus dorthin, Germanicus kam auf dem Seeweg mit vier Legionen über den Drusus-Kanal und die Nordsee, und die Reiterei zog an der Küste entlang.
Das Land der Brukterer zwischen Ems und Lippe wurde verwüstet, und schließlich übergaben Überläufer einen in der Varusschlacht verlorenen Legionsadler, um den Feldherrn milde zu stimmen. Da der Ort der Schlacht nicht weit entfernt war, zog Germanicus mit seinen Truppen dorthin, um die Toten zu bestatten. Tiberius soll ihn später dafür kritisiert haben, weil er fürchtete, der Anblick des Schlachtfeldes würde die Soldaten demoralisieren.
Germanicus, der sich von Überlebenden zum Ort hatte führen lassen, ließ die Knochen zusammentragen und einen Grabhügel errichten. Das erste Rasenstück stach er selbst aus. Bei Kalkriese sind Knochengruben gefunden worden, die zur Überlieferung passen. Die Truppen wurden von Hass gegen die Feinde erfüllt. Arminius war nicht weit und ließ sich von römischen Kundschaftern finden, um sich daraufhin in die Wälder zurückzuziehen. Germanicus folgte ihm und suchte den Kampf. Arminius tat so, als ginge er darauf ein. Einen versuchten Angriff der Hilfstruppen schlug er zurück. Germanicus schickte die Legionen in den Kampf, woraufhin sich Arminius sofort zurückzog. Auch die Römer entschieden sich zum Rückzug, entweder, weil es Herbst wurde, oder ihnen die Lebensmittel ausgingen. Die Versorgung des Heeres mitten in Germanien war ein großes logistisches Problem.
Germanicus kehrte wieder mit der Flotte zurück ins Winterquartier, die Reiterei an der Küste, und Caecina sollte mit seinen Truppen einen anderen Weg wählen, einen Pfad aus Eichenbohlen durch Sümpfe, der von Domitius Ahenobarbus angelegt worden war und ausgebessert werden musste. Jenseits des Sumpfes befanden sich Anhöhen – eine perfekte Falle und überraschend ähnlich dem Ort der Varussschlacht.
Arminius gelang es, die Römer zu überholen und die Anhöhen zu besetzen. Die Truppen Caecinas mussten den Bohlenweg reparieren, damit der Tross passieren konnte, und sich gleichzeitig gegen die Germanen zur Wehr setzen. Der Tross war aufs Notwendigste reduziert worden, aber dennoch waren die Römer langsamer als die Germanen, und ein ebensolches Ziel wie die Truppen des Varus. Während ein Teil der Soldaten kämpfte, bauten die anderen ein Lager für die Nacht und besserten den Bohlenweg aus. In der Nacht leiteten die Germanen Bäche um, um das Gelände noch schwerer passierbar zu machen. Den Römern wurde klar, dass sie in einer beinahe verzweifelten Lage waren.
Caecina aber war ein erfahrener Truppenführer – und wollte sein Heer über den Rhein zurückbringen. Er formierte die Legionen so, dass die erfahrenste, die 20. Legion, als Nachhut die Verfolger abwehren sollte. Nachts hatte er Albträume, in denen ihm Varus erschien, der blutend aus dem Sumpf aufstieg. Sein Plan sollte nicht aufgehen: die Legionen, die den Trotz schützen sollten, verweigerten dies und gingen ins Trockene, der Tross steckte fest, die Marschordnung geriet durcheinander, und Arminius griff an, seines Sieges schon sicher. Caecina kämpfte selbst und geriet in Lebensgefahr, wurde aber gerettet. Arminius konnte mehrmals die römischen Reihen durchbrechen, das Heer des Caecina erlitt schwere Verluste, und ein Teil des Trosses ging verloren.
Die Nacht verbrachten die Truppen unter freiem Himmel in einem behelfsmäßigen Lager. Es fehlte an Lebensmitteln und Verbandszeug. Später gerieten die Soldaten in Panik und wollten ausgerechnet durch das Osttor, zum Inneren Germanien gerichtet, ausbrechen. Caecina warf sich auf die Schwelle des Tores, um den Ausbruch zu verhindern, und hatte Erfolg. Er erklärte, man müsse abwarten, bis die Feinde das Lager angriffen. Dann müsse man ausfallen und siegen, und weiter zum Rhein marschieren.
Arminius wollte die Römer abziehen lassen und sie dann im sumpfigen, unwegsamen Gelände umzingeln, so wie in der Varusschlacht. Doch sein Onkel Inguiomerus, der das Lager überfallen und Beute machen wollte, setzte sich durch. Das rettete das römische Heer. Die Germanen griffen die Verschanzungen aus, die Römer brachen aus, stellten sich im offenen Gelände zum Kampf auf und siegten. Danach zogen sie sich an den Rhein zurück.
Inzwischen hatte sich das Gerücht verbreitet, Caecina sei wie Varus geschlagen worden, und beinahe wäre die Rheinbrücke abgerissen worden. Agrippina, die Gattin des Germanicus, verhinderte dies. Sie stand an der Brücke, empfing die heimkehrenden Truppen mit Kleidung und Verbandszeug und lobte die Soldaten für ihren Einsatz.
Germanicus hatte zwei Legionen an der Nordseeküste ausgeladen, um die Schiffe zu entlasten, und diese segelten durchs Wattenmeer. Doch die Soldaten, die an Land marschierten, waren zu nahe am Wasser, als es eine Springflut gab. Viele ertranken, und die Ausrüstung ging verloren. Die Überlebenden schlugen sich mühsam zur Flotte durch.
Tiberius billigte den Verlauf des Krieges mit hohen Risiken und ebenso hohen Verlusten keinesfalls. Beinahe hätte sich eine weitere Katastrophe ereignet. Seine Entscheidung war gefallen: dieser Krieg musste beendet werden. Doch Germanicus einfach abberufen konnte er aus verschiedenen Gründen nicht. Er hatte seine Loyalität bewiesen und einen Legionsadler zurückgebracht. Wenn er zurückkehrte, dann als siegreicher Held – ungeachtet der Verluste.
Eine Abordnung des Senats reiste zu Germanicus und präsentierte ihm die Belohnung: einen Triumph, Münzprägungen zu seinen Ehren und der Bau eines Triumphbogens. Mit diesen Ehrungen wurde Germanicus allen Siegern aus dem Kaiserhaus gleichgestellt. Das Angebot des Kaisers war großzügig und väterlich zugleich, und gleichzeitig stand fest, dass Tiberius seine Rückkehr nach Rom wünschte, wo der Triumph stattfinden sollte. Doch Germanicus brach den Krieg nicht ab, sondern machte einfach weiter, gegen den Willen des Imperators und Princeps, seines Adoptivvaters. Er meinte wohl, ein Anrecht darauf zu haben. Was wäre wohl geschehen, wenn dieser Mann Kaiser geworden wäre?
Literatur:
Ralf-Peter Märtin, „Die Varusschlacht“, S. Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-050612-2
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