Freitag, 5. September 2025

Germanicus in Germanien (3)

Germanicus wandte sich mehrmals schriftlich an Tiberius, in der Hoffnung, ihn von seinen Plänen überzeugen zu können. Seinen neuen Feldzug begann er mit einem Gebet vor dem versammelten Heer, in dem er sich an seinen Vater Drusus wandte und um seine Hilfe bat. Das Ziel war somit klar: Germanicus wollte bis an die Elbe vorstoßen. Augustus hatte ihn zum Feldherrn berufen und er fühlte sich wohl dadurch auch berechtigt, sein Kommando weiterzuführen.

Germanicus baute besonders auf die Flotte, die seine Truppen schnell zu ihrem Einsatzort befördern sollte. Hatte er die Sturmflut im letzten Jahr schon vergessen? Aber um der Strategie des Tiberius zu folgen, baute er auch die Kastelle an der Lippe weiter aus. Allerdings musste er eins der Lager freikämpfen, das von Germanen belagert wurde, die auch den Grabhügel auf dem Varus-Schlachtfeld zerstörten. Gaius Silius erhielt den Auftrag, die Chatten anzugreifen. Diese zogen sich zurück, aber die Frau und die Tochter eines ihrer Anführer gerieten in römische Gefangenschaft.

Germanicus ging zum Großangriff über. Er zog ein Heer aus Legionen und Hilfstruppen zusammen, ungefähr 75.000 Mann. Die Flotte fuhr wieder auf der schon im Vorjahr genutzten Route in die Ems oder in die Weser, was nicht genau überliefert ist. An einem nicht genau bezeichneten Ort an der Weser schlug Germanicus sein Lager auf. Dort sollen Flavus, der Bruder des Arminius, der immer noch treu in römischen Diensten stand, und Arminius an den Ufern des Flusses aufeinandergetroffen sein. Über den Fluss hinweg sollen sie sich über Politik gestritten haben. Flavus argumentierte für Rom, Arminius wollte Fürst der Cherusker sein.

Germanicus schwor seine Truppen auf die Schlacht ein: die Männer seien durch ihre Rüstungen gut geschützt und ohnehin besser bewaffnet, sie sollten ins Gesicht der Gegner zielen und diese würden schnell aufgeben. Außerdem stellte er ihnen in Aussicht, dass die Elbe und somit der Sieg nahe seien.

Arminius wiederum spielte die Überlegenheit der Römer herunter und machte sich über Germanicus und seine Jugend lustig. Er wählte den Ort der Schlacht: Idistaviso. Die Germanen griffen die römischen Hilfstruppen an, worauf Germanicus die Reiterei einsetzte. Mehrere Stunden lang wurden die Germanen niedergemetzelt. In der offenen Schlacht waren die Römer überlegen. Arminius wurde verwundet und soll sich mit eigenem Blut das Gesicht verschmiert haben, um zu entkommen. Das Heer rief Tiberius zum Imperator aus.

Die Cherusker wollten sich schon hinter die Elbe zurückziehen, traten aber noch zu einer weiteren Schlacht an: am Angrivarierwall. Dieser Wall war eine Grenze zwischen dem Land der Cherusker und der Angrivarier. Wieder wurden die Germanen vernichtend geschlagen. Germanicus wies seine Soldaten an, keine Gefangenen zu machen, sondern alle Feinde zu töten: der Stamm sollte vernichtet werden. Auf dem Schlachtfeld ließ er ein Siegesdenkmal aus erbeuteten Waffen errichten.

Arminius war zwar geschlagen worden, doch er lebte noch, und sein Stamm stand weiterhin hinter ihm. Dadurch, dass er sich mit seinen Cheruskern zum Kampf gestellt hatte, hatte er die Verwüstung des Landes verhindert. Im Grunde hatte er Germanicus gestoppt, wenn auch mit Verlusten. Und die Römer hatten das Land nicht unterworfen; die Lage war die gleiche wie vorher. Sie mussten sich zurückziehen, weil ihre Vorräte zur Neige gingen und Germanicus gutes Wetter für seine Flotte brauchte.

Ein Teil des Heeres zog auf dem Landweg zum Rhein. Für den Rest nutzte Germanicus wiederum die Schiffe. Obwohl er rechtzeitig aufbrach, geriet er in einen schweren Sturm. Die Schiffe wurden aufs Meer hinausgetrieben. Viele sanken, manche trieben bis nach Britannien. Andere strandeten auf Inseln, wo die meisten Soldaten verhungerten. Germanicus überlebte und rettete sich zu den verbündeten Chauken. Er gab sich die Schuld an der Katastrophe und wollte sich am liebsten ins Meer stürzen, um dort zu sterben. Mühsam konnten ihn Freunde davon abhalten.

Die Chatten gaben keine Ruhe, und Gaius Silius zog im Herbst mit 30.000 Soldaten und Reitern gegen die Chatten, Germanicus wandte sich gegen die Marser. Einer von deren Fürsten verriet ihm das Versteck des zweiten verlorenen Adlers aus der Varusschlacht. Germanicus schrieb an Tiberius, die Feinde würden sich im kommenden Jahr bestimmt unterwerfen, er brauchte nur noch ein Jahr, um seinen Plan zu Ende zu bringen.

Tiberius teilte diese Meinung nicht: die Heldentaten des Germanicus schadeten in Wirklichkeit dem Staat. Um Germanien zu unterwerfen, müsste man noch mehr Soldaten aufbieten, und wofür? Das Land war weder reich an Bodenschätzen noch von strategischer Bedeutung. Und er befürchtete, dass es bei der Vorliebe des jungen Feldherrn für riskante Unternehmungen wieder zu einer schweren Niederlage kommen könnte, die das Imperium und den Principat erschüttern würde.

Wiederholt forderte er Germanicus auf, das Kommando niederzulegen. „Gegen Wind und Wellen könne ein Heerführer nichts ausrichten“, und außerdem habe er (Tiberius) in Germanien mehr durch kluges Verhandeln als durch Gewalt erreicht. Auf diese Weise habe er Germanien befriedet und im Sinne des Augustus gehandelt.

Germanicus wollte die Argumente des Princeps nicht teilen: seit wann ging es um Kosten, statt um Ruhm und Ehre? Schließlich fügte er sich doch. Tiberius ehrte ihn durch ein gemeinsames Konsulat und ein neues Amt im Osten des Imperiums. Und zuvor feierte Germanicus im Jahr 17 in Rom einen Triumph, eine feierliche Inszenierung seines Sieges.

Tiberius war der festen Überzeugung, dass man die Cherusker getrost ihren eigenen Stammesfehden überlassen konnte, und er behielt damit Recht. Im Jahr 20 n. Chr. bot ein Chattenfürst an, Arminius zu vergiften, was der Kaiser ablehnte: hinterrücks und heimlich Rache zu nehmen, sei nicht Brauch des römischen Volkes. Arminius wurde schließlich von eigenen Verwandten umgebracht.

Literatur:

Ralf-Peter Märtin, „Die Varusschlacht“, S. Fischer, 2008, ISBN 978-3-10-050612-2

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