Freitag, 19. September 2025

Germanicus in den Ostprovinzen

Im Jahr 17 n.Chr. wurde Germanicus in den Osten des Imperiums gesandt. Begleitet wurde er von seiner Ehefrau Agrippina, die wieder schwanger war, und seinem jüngsten Sohn Gaius (Caligula), damals beinahe fünf Jahre alt. Zuvor hatte Germanicus einen glänzenden Triumph in Rom gefeiert, nachdem er von seinen Germanien-Feldzügen zurückgekehrt war. Die Quellen, voran Tacitus und Sueton, mutmaßten, dass Tiberius aus Neid Germanicus schnell wieder aus Rom entfernen wollte. Doch die diplomatische Mission im Orient war nichts anderes als ein Teil der Ausbildung des Germanicus, die ihn auf die Aufgabe vorbereiten sollte, eines Tages Kaiser zu werden.

Germanicus nutzte diese Reise auch, um sich wie ein Tourist Athen oder die Stadt Nikopolis anzusehen, die Augustus nach der Schlacht bei Actium gegründet hatte. In Illyrien war er mit Drusus zusammengetroffen. Beide, Adoptivsohn und leiblicher Sohn des Tiberius, hatten offenbar ein echtes brüderliches Verhältnis. Von Athen aus ging es weiter Richtung Kleinasien. Auf Lesbos gebar Agrippina ihr neuntes Kind, eine Tochter. Sechs dieser Kinder überlebten das Kleinkindalter.

Von Byzanz aus ging es nach Kolophon. Das dortige Orakel soll angedeutet haben, dass Germanicus nicht mehr lange zu leben hatte. Bei Rhodos traf die Reisegesellschaft ein weiteres Schiff, das den Statthalter Calpurnius Piso nach Syrien bringen sollte. Piso war ein Freund und Vertrauter des Tiberius, seine Ehefrau Plancina war eine Vertraute der Livia. Tiberius hatte geplant, dass Piso Germanicus unterstützen und beraten sollte.

Germanicus setzte einen römischen Statthalter in Kappadokien ein und somit wurde das zuvor abhängige Königreich römische Provinz, nachdem der König verstorben war. Auch in Armenien sollte Germanicus für Loyalität zu Rom sorgen. Deshalb hatte er ein übergeordnetes Kommando über alle Ostprovinzen erhalten und war somit auch ranghöher als Piso. Von „Kaltstellen“ kann also keine Rede sein.

Das Verhältnis zwischen Germanicus und Piso entwickelte sich nicht so, wie es Tiberius vielleicht gewünscht hatte. Die beiden kamen nicht gut miteinander aus. Es ist allerdings schwierig, überhaupt zu einem Urteil zu kommen, da die Quellen sehr parteiisch sind und Piso durch und durch verurteilen. Seine Frau Plancina soll sich auch nicht gut mit Agrippina verstanden haben.

Germanicus setzte in Armenien einen neuen, romfreundlichen König ein. Das Armenien-Problem taucht immer wieder in der römischen Geschichte auf; im Jahr 114 war es Anlass zum Partherkrieg Trajans.

Im Jahr 19 n.Chr. besuchte Germanicus Ägypten, aus touristischer Neugier oder auch wegen einer Hungersnot in Alexandria. Er ergriff wirklich Maßnahmen, öffnete die Getreidespeicher und veranlasste die Senkung des Kornpreises. Aber auch bei dieser Reise verband er seine Pflichten mit dem Angenehmen. Tiberius war verärgert, weil Germanicus ihn nicht um Erlaubnis gefragt hatte. Ägypten war wegen seiner Bedeutung für die Versorgung der Stadt Rom ein sensibles Gebiet, das normalerweise von Senatoren nicht besucht werden durfte. Verwaltet wurde die Provinz von einem Ritter, der damals keine Chance hatte, zu usurpieren. Offenbar war Germanicus der Meinung, es aufgrund seines übergeordneten Kommandos dennoch zu dürfen.

Von Ägypten kehrte Germanicus nach Syrien zurück. Dort gab es wieder Konflikte mit Piso, der mit Abreise drohte. Bald danach wurde Germanicus krank und starb, im Oktober des Jahres 19 n. Chr. Er selbst und seine Gattin Agrippina beschuldigten Piso des Giftmordes. Piso und Plancina waren auf die Insel Kos abgereist.

Literatur:

Holger Sonnabend: Tiberius, Kaiser ohne Volk, Zabern-Verlag, 2021

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