Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Freitag, 3. Oktober 2025
Tod des Germanicus und die Folgen
Als sich die Kunde vom Tod des Germanicus verbreitete, waren Trauer und Fassungslosigkeit groß, denn er und seine Familie waren die Hoffnung des Imperiums. Ihm waren die Herzen der Menschen zugeflogen und alle dachten daran, dass er in absehbarer Zeit Kaiser werden würde, war doch Tiberius schon sechzig Jahre alt und somit für damalige Verhältnisse ein Greis.
Dass er noch achtzehn Jahre reagieren und somit zu den am längsten amtierenden römischen Kaisern zählen würde, ahnte damals niemand. Der Leichnam von Germanicus wurde in Antiochia aufgebahrt und dort eingeäschert. Agrippina machte kein Hehl aus ihrer Überzeugung, ihr Gatte sei erst durch eine Art Voodoo-Zauber geschwächt und schließlich vergiftet worden, und sie verdächtigte Piso und Plancina des Mordes. Mehr noch, sie beschuldigte auch Livia und Tiberius, für den Tod des Germanicus verantwortlich zu sein.
Agrippina war die Tochter der inzwischen verstorbenen Julia, der Tochter des Augustus und ehemaligen Gattin des Tiberius. Ihr bereits vorhandenes Misstrauen gegenüber Tiberius und seiner Mutter mag sich durch die Trauer verstärkt haben, aber die Vorwürfe waren ein schwerer Affront. Der Senat beschloss die höchsten Ehrungen für Germanicus, die Tiberius genehmigt haben muss. Ob Germanicus ermordet wurde, konnte nie geklärt werden, doch es ist äußerst unwahrscheinlich. Bei aller Aversion wird Piso kaum geplant haben, den Adoptivsohn des Kaisers, seines Freundes, und zukünftigen Kaiser zu ermorden. Höchstwahrscheinlich starb Germanicus an einer Krankheit, und sein frühes Ende erinnert an Alexander den Großen.
Agrippina reiste mit der Urne und ihren beiden Kindern nach Italien. Von Brundisium aus bewegte sich der Trauerzug nach Rom, der an Länge den des Augustus übertraf. In Terracina übernahm Drusus die Urne, und von Rom aus war Claudius, der Bruder des Germanicus, mit den anderen Kindern gekommen.
Tiberius, Livia und Antonia, die Mutter des Germanicus, zeigten sich nicht in der Öffentlichkeit, auch nicht bei der feierlichen Beisetzung der Urne im Mausoleum des Augustus. Das war auffällig und drückt für mich eine Reaktion auf die Anschuldigungen Agrippinas aus. Sichtbar wird eine gewisse Parteilichkeit innerhalb der kaiserlichen Familie. Der spätere Kaiser Claudius war wegen leichter Körperbehinderung eher selten in der Öffentlichkeit zu sehen, und nun übernahm er eine Hauptrolle? Das alles musste seltsam anmuten, und es gab öffentliche Kritik, dass es insgesamt doch nicht glanzvoll genug zugegangen sei.
Daraufhin mahnte Tiberius öffentlich zur Mäßigung: Viele vornehme Römer seien für das Vaterland gestorben, aber keiner mit so großer Leidenschaft betrauert worden wie Germanicus. Nun müsse man wieder Haltung zeigen, und er nannte berühmte Beispiele von Personen, die in ihrer Trauer Maß gehalten haben. „Fürsten sind sterblich“, so Tiberius, „der Staat ist ewig“. Natürlich wurde Tiberius wegen seiner Gefühlskälte getadelt. Doch im Grunde sind seine Prinzipien die der stoischen Philosophie, sie ähneln Gedanken in der „Trostschrift an Marcia“ des Seneca.
Piso hatte nicht nur den Fehler begangen, Freude über den Tod des Germanicus zu äußern, sondern war auch widerrechtlich nach Syrien zurückgekehrt, um sein Amt wieder aufzunehmen, das aber inzwischen neu besetzt worden war. Das war eine Eigenmächtigkeit und Hochverrat. Die Vorwürfe wegen des Giftmordes kursierten wieder, und der neue Statthalter schickte die angebliche Giftmischerin nach Italien. Sie starb allerdings bei der Ankunft.
Nun wurde Piso im Senat angeklagt. Tiberius appellierte an die Senatoren, sie sollten fair urteilen und sich weder von seinem Gram noch den Tränen des Drusus leiten lassen. Piso wurde zum Tode verurteilt, aber nicht wegen des angeblichen Giftmordes, sondern seines Versuches, sich der Provinz wieder zu bemächtigen. Piso nahm sich das Leben, ehe das Urteil vollstreckt wurde. Auch Plancina wurde angeklagt. Tiberius und Livia sorgten dafür, dass sie freigesprochen wurde.
All das warf einen Schatten auf die Herrschaft des Tiberius – und weitere Schatten würden folgen. Man kann darüber spekulieren, wie er sich selbst nach dem Verlust seines Adoptivsohnes und Nachfolgers gefühlt haben mag, der ihm einerseits eine große Stütze war – und Tiberius wünschte sich Entlastung – dessen Verhalten er aber nicht immer gebilligt hat. Was allerdings für ein völlig normales Vater-Sohn-Verhältnis spricht. Problematisch war, dass Tiberius seine Trauer nicht öffentlich zeigte, sich geradezu der Öffentlichkeit entzog, als er Präsenz hätte zeigen müssen.
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