Projektrecherchen über das Römische Imperium und seine Nachbarn, Persönlichkeiten und Gesellschaft
Donnerstag, 28. Mai 2026
Bewertung des römischen Kaisers Tiberius
Ich beschäftige mich nun seit fast fünf Jahren mit der Persönlichkeit und Zeit des zweiten römischen Kaisers, und manches, was ich anfangs dachte, sehe ich heute etwas anders.
Die antiken Geschichtsschreiber Sueton und Tacitus haben mit ihren tendenziösen Werken seinen Ruf beschädigt. Beide waren keine Zeitzeugen, sondern lebten rund hundert Jahre nach ihm. Sie hatten Zugang zu Senatsakten und Archiven, aber sie verbreiteten auch Gerüchte und bewerteten seinen Charakter insgesamt ungünstig. Das gilt vor allem für die letzten elf Jahre seiner Herrschaft, die er überwiegend auf Capri verbrachte.
Viele Gerüchte sind derart ins Abstoßende und Grausige gesteigert, dass man sie zu einem guten Teil als Ausgeburten dunkler Phantasien derer bewerten kann, die sie verbreiteten. Ich gehe aber auch davon aus, dass die damaligen Inselbewohner wenig Grund hatten, den Herrscher zu mögen, der dort, bewacht von seiner Garde, in Marmorpalästen residierte. Tiberius war nicht leutselig wie Augustus, und man kann annehmen, dass er nicht so großzügig und freundlich zu den Menschen dort war wie sein Vorgänger. Doch im Grunde weiß niemand, was sich wirklich auf der Insel abgespielt hat. Tiberius war nach Capri gezogen, um sich zurückzuziehen, und das war ihm auch gelungen. Wer sich der Insel nähert und ihre steil aus dem Meer aufragenden Felsen erblickt, kann den Wunsch des Imperators nach Abgeschiedenheit spüren. Seine Villa Jovis war eine Burg, und sein Wohnbereich befand sich ganz oben, dem Himmel näher als den Menschen.
Ich halte es für durchaus denkbar, dass Tiberius sich gelegentlich mit Sklaven, Sklavinnen und Sklavenkindern vergnügte. Aber damit hätte er sich nicht von anderen Angehörigen der damaligen Oberschicht unterschieden. Denkbar sind auch Übergriffe der Soldaten seiner Garde auf Anwohner und speziell auf Frauen. Ich halte es sogar für möglich, dass in Einzelfällen Todesurteile vollstreckt wurden, indem die Kandidaten die Klippen hinuntergestürzt wurden. Aber mit Sicherheit gab es kein Ritual, wonach der Kaiser aus Grausamkeit jeden Tag irgendjemanden in unmittelbarer Nähe seiner Residenz in die Tiefe stürzte. Seine Villen, auch die Villa Jovis, waren auf Grund ihrer Lage, der Architektur und Ausstattung von ausgesuchter Schönheit mit einer Tendenz zur Romantik. Von Möwen zerfledderte Leichen machten sich nicht gut unterhalb seines Wandelganges und seiner Loggia mit Meerblick.
Tiberius war kein einfacher Mensch, und das haben alle gespürt, die Kontakt zu ihm hatten. Unbestritten waren seine Fähigkeiten als Feldherr und als Administrator. Er war arbeitsam und geradezu aufopfernd im Dienst für den Staat. Doch ihm fehlte die Fähigkeit, Menschen für sich zu gewinnen. Er tat, was getan werden musste. „Sollen sie mich doch hassen, wenn sie nur meine Maßnahmen gutheißen“, sagte er. Er war weder Populist noch Selbstdarsteller, und Ehrungen für seine Person lehnte er regelmäßig ab. Er war stolz und konnte abweisend, sogar arrogant sein, und er zeigte, von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Gefühle in der Öffentlichkeit. Ihm deshalb zu unterstellen, er hätte keine gehabt, ist ebenso falsch wie der ständige Vorwurf der Heuchelei. Tacitus meinte, die Absichten des verschlossenen Kaisers genau zu kennen, was ja ein Widerspruch in sich ist.
Tiberius hat seine Herrschaft oft als Bürde bezeichnet, und nach einigen Jahren wurde er amtsmüde. Ich habe mich gewundert, warum er nicht zurückgetreten ist. Heute vermute ich, dass genau das seine Absicht war, als er sich zunächst für ein Jahr nach Kampanien zurückzog. In Rom hatte er seinen Sohn Drusus als Stellvertreter eingesetzt. Germanicus, der nach dem Willen des Augustus sein Nachfolger hätte werden sollen, starb früh. Mit Drusus und seinen Söhnen schien die Nachfolge über zwei Generationen gesichert. Aber dann starben Drusus und einer der beiden Söhne. Tiberius adoptierte die beiden älteren Söhne des Germanicus, doch sie waren noch zu jung, um zu herrschen. Tiberius musste weiterhin den Staat lenken. Sein engster Helfer wurde Seianus, und schließlich sorgte dieser für Ordnung in Rom, während Tiberius abwesend, jedoch nicht untätig war.
Seianus dachte auch an seine eigene Zukunft, denn Tiberius war alt. Er suchte die Nähe zu Livilla, der Witwe des Drusus, und wollte sie sogar heiraten, was der Kaiser jedoch nicht genehmigte. Nach Livias Tod konnte Seian Tiberius davon überzeugen, dass Agrippina und ihre beiden älteren Söhne einen Anschlag auf ihn planten. Agrippina und der ältere Sohn wurden verbannt, der jüngere Sohn wurde eingekerkert. Sie starben durch Suizid oder verhungerten. Doch Antonia, die Mutter des Germanicus, warnte Tiberius vor Seianus. Der Präfekt fiel in Ungnade und wurde hingerichtet, und mit ihm verlor der Kaiser seinen Helfer, dem er vertraut hatte.
Gaius, der jüngste Sohn des Germanicus, bekannt unter seinem Spitznamen Caligula, lebte bei Tiberius auf Capri, ebenso Tiberius Gemellus, Sohn des Drusus. Tiberius setzte die beiden testamentarisch als Erben ein, aber er bestimmte weder einen Nachfolger noch einen Mitregenten, sondern blieb alleiniger Herrscher bis zu seinem Tod. Der neue Gardepräfekt Macro ebnete Gaius-Caligula den Weg zur Macht. Caligula wusste, dass es nur einen Herscher geben konnte, und ließ Tiberius Gemellus ermorden.
Oft habe ich mich gefragt, warum Tiberius sich nicht bemühte, etwas umgänglicher zu sein. Seine kommunikativen Schwächen waren das eine, die Abneigung gegen ihn das andere. Denn mit ihm war in Rom eine Erbmonarchie entstanden, und die Republik war offiziell Geschichte. Augustus war es gelungen, mit Gesten den Schein zu wahren, doch nach seinem Tod war das Schauspiel zu Ende. Man kann es in den Quellen nachlesen: Was Tiberius auch tat, es wurde zu seinen Ungunsten ausgelegt. Er glaubte an das Schicksal, und da er selten Glück im Leben hatte, musste er wohl zu dem Schluss gekommen sein, dass er sein Schicksal zu tragen hatte. Erleichterung verhießen nur Fluchten aus Rom.
Das hatte er schon als Mann in den besten Jahren erfahren, als er sich nach Rhodos zurückzog, wo er acht Jahre lang lebte. Nach vier Jahren äußerte er den Wunsch, zurückzukehren. Er vermisste Rom und seine Familie. Und selbst wenn sich die Dinge anders entwickelt hätten und einer der Enkel des Augustus dessen Nachfolger geworden wäre – als Angehöriger der kaiserlichen Familie und potentieller Konkurrent um die Macht wäre er auf Rhodos vermutlich irgendwann ermordet worden. Augustus gestattete Tiberius die Rückkehr nach Rom. Ich würde ihn nicht als paranoid bezeichnen, weil er sich als Kaiser vor Anschlägen fürchtete. Die Möglichkeit, ermordet zu werden, war real, und Gerüchten zufolge wurde Tiberius ermordet. Auch das Ende seines Nachfolgers zeigt die Gefahr auf, in der die römischen Kaiser schwebten.
Tiberius tat in seinem Leben das, was er tun musste, auf eine Art und Weise, wie es für ihn erträglich war.
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